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Autor Thema: AlexandraX Tagebuch

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Re: AlexandraX Tagebuch
#60: 08.05.2023 22:32:30
Hallo Alexandra,

öfters kamen Angehörige mit ähnlichen Sorgen um ihr Kind und sich selbst hierher.
Ihnen wurde ziemlich das Gleiche geschrieben von "uns" wie Dir ja auch.
Ich bin mir zwar nicht ganz sicher ob es hier vergleichbares gab...
Dein Tagebuch ist das Erste welches einen Weg in solch einer genaueren Situation beschreibt.
Zwischen den Zeilen, für Mütter und Väter von Suchterkrankten Kindern auch spür- und nachvollziehbar in den Emotionen.
Auch ich selbst kann sehr viel damit anfangen was mich etwas beruhigt in meinen eigenen Vatersorgen.
Darum auch immer mein Dank für jeden Beitrag hier.

Liebe Grüße     


 
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« Letzte Änderung: 08.05.2023 23:08:18 von Jacky1 »
 
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Re: AlexandraX Tagebuch
#61: 11.05.2023 08:24:23
Es tut unglaublich gut, einen Platz für die eigene Verzweiflung, die bodenlose Hilflosigkeit zu haben. Es kostet Überwindung, das öffentlich zu tun, man macht sich zusätzlich angreifbar. Aber die Erleichterung durch das Aufschreiben innerer Zerrissenheit hilft etwas, irgendwie Tag für Tag ein kleines Stück weiter zu kommen. Und es tröstet, dass es auch noch anderen zeigt, Du bist nicht allein damit. Danke Jacky1!!
Ich arbeite weiter an meiner Stabilisierung und daran, meinen Sohn zu akzeptieren, mit all seinem Chaos. Immer wieder ertappe ich mich dabei, sein Chaos sortieren zu wollen  und es dann zu lassen. Ich bin so froh, einen Weg gefunden zu haben. Er sorgt für Abstand und unsere Autonomie.
Ich erobere mir mein Leben, immer weniger Energie soll für Sorgen, Traurigkeit verloren gehen. Ich habe zu sehr gewollt, daß mein Sohn gesund wird und die schönen Seiten des Lebens genießen kann. Jetzt lasse ich los, ihn aber nicht fallen.
Liebe ist nicht verhandelbar
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Re: AlexandraX Tagebuch
#62: 25.05.2023 08:42:46
Ich brauche viel Zeit, um mich zu erholen von der fiesen Erkältung. Es lag alles auf Eis und proportional zur fortschreitenden Zeit, die die Erkältung dauerte, sank meine Stimmung, Geduld, Hoffnung, Zuversicht. Und das, nachdem ich mir soviel vorgenommen hatte nach dem Klinikaufenthalt. Ich hatte Angst, das Erlernte zu vergessen und so grabe ich nun in meinen Erinnerungen und Aufzeichnungen. Ganz langsam beruhige ich mich.
Und beginne mit der Entrümpelung leidenschaftslos und mit der Idee über kurz oder lang günstigeren Wohnraum zu suchen.
Während sich alle an der Inflation bereichern und viele Arbeitnehmer höhere Gehälter fordern und tw bekommen, gehen Rentner leer aus. Sie werden noch verhöhnt mit dem Hinweis auf üppige 4% Rentenerhöhung (Erwerbsminderung) und dass sie in der Vergangenheit statistisch ein großes Plus hatten. Ach ja? Ich versuche nun länger an Lebensmitteln zu sparen und habe diesen Monat dafür nur 100€ ausgegeben. Ich habe hart gearbeitet und allein ein krankes Kind aufgezogen. Dank des Studiums und Teilzeitbeschäftigung, liegt die Rente über der Grundrente. Es reicht trotzdem nicht.
Der Betreuer meines Sohnes antwortet nicht auf meine Mails. Ich versuchte eine Kündigung eines Vertrages meines Sohnes durch Ausgleich des Zahlungsrückstands zu verhindern. Das war Aufgabe des Betreuers. Und nun bekomme ich mein Geld nicht mehr zurück. Das ist in der jetzigen finanziellen Situation bitter.
Die Nichterreichbarkeit macht meinen Sohn nervös und hat zu gesundheitlichen Problemen geführt. Wieso können wir nicht einfach mal Glück haben?
Sohni ist noch in der Reha, die deutlich an Glanz verloren hat. Das was so hoch gelobt wurde vom Therapeuten der ambulanten Suchthilfe erweist sich als Mogelpackung. Unschön, frustrierend. Aber das muss mein Sohn aushalten. Ich bin meist auf Abstand und das ist gut so.
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Re: AlexandraX Tagebuch
#63: 26.05.2023 00:29:33
Hallo Alexandra,

sehr wohl bewusst dass sich noch mehr hinter deinen Beiträgen verbirgt.
Traurig zu sein ist kein Pathos, es ist oft das Ergebnis der Umstände.
Dann aber ist es auch greifbar, wie in einem Film und du stehst hinter der Kamera und filmst dich selbst.
Unabwendbare Fakten in der eigenen biografischen Doku.   

Was auch alles, die wärmende Sonne, blühender Flieder oder das Lachen deines Kindes...
tausende Dinge und Momente, egal wie es dir emotional geht sie sind immer da.
Alles fällt und steigt mit deinen Emotionen.
Versuche der Kehrseite der Medaille nicht zu sehr diese Genugtuung zu geben.

Die Sorgen sind da zweifellos auch Unmut und manchmal Resignation.
Hey..was solls, heute wird ein guter Tag.
Kopf hoch, Kamera aus und den Kuchen genießen...das gibt Kraft.
Gute Aussichten weil...eventuell keine andere Wahl ?
Würde ein Leben benotet werden...sagen wir einmal mit einer 3- ..ohje.
Nein, dies würde bedeuten das fast die Hälfte davon wirklich gut ist.
Gute Erholung ..in allem für dich 

Liebe Grüße       
   
       
 

 
       
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Re: AlexandraX Tagebuch
#64: 31.05.2023 18:23:54
Es kommt darauf an, wieviel Kraft ich gerade überhaupt zur Verfügung habe. Und das ist leider sehr sehr wenig zur Zeit, dh seit 14 Tagen wieder. Deshalb habe ich diese Woche mit Notfallkontakten telefoniert. Denn inzwischen bekomme ich selbst Angst vor der riesengroßen Resignation, die gerade da ist. Da kann ich mir nichts schönreden. Aber ich versuche, das auszuhalten und es mir zu Hause sehr gemütlich zu machen. Abwarten ist wirklich nicht meine Stärke.
Was sind eigentlich meine Stärken? Zähigkeit (gerade angeknackst), Ideenreichtum, Begeisterungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen. Den Blick in eine andere Richtung zu lenken, kann ich noch lernen. Momentan ist mir aber alles zuviel.
Ich kenne es, wenn eine körperliche Erkrankung auftritt, knickt meine Psyche ein- entweder vor oder nach der Erkrankung. Das macht Gesundwerden doppelt schwierig.
Sohni ist noch in der Reha und kann tw gut für sich sorgen. Nun versuche ich wieder als Mutter zu agieren. Seine Kündigung kann als Stopp gesehen werden- erstmal gesünder werden und dann eine neue Arbeit suchen. Ermutigen, beruhigen, Prioritäten setzen lernen. Das trifft die fehlende Struktur. Handlungsanleitung kann ich dafür geben, falls er es wünscht. Da gibt es viel Übungsfelder bei ihm.
Er sagt, momentan sei kein Spieldruck da. Im Gegenteil, es nervt ihn so, daß es immer nur ums Geld geht. Und er will sich davon nicht bestimmen lassen, worin sein Vergnügen liegt. Er sieht nun, welche Beziehungen er verspielt hat durch das Lügen. Einen Arbeitsplatz hatte er deswegen auch verloren. Welche Konsquenzen er für sich daraus zieht? Erstmal macht er Sport als Freizeitbeschäftigung, hat wieder Kontakt mit Anderen. Das aber sehr wechselhaft, je nach seiner Stimmung. Und die stürzt öfter ab. Er fühlt sich dann nicht gesehen und abgelehnt. Das sind Erfahrungen der Vergangenheit; die Gewaltspirale in der Schule lief viel zu lange. Ob er das Thema überhaupt mal ausgepackt hat bei Therapeuten? Ich denke nein- der Schmerz ist zu groß.
Ob und wie er sich Kontakte zurück holen möchte, hat er nicht erzählt. Vielleicht ist er noch gar nicht soweit.
Ich bin froh, daß es ihm tw besser geht.
Es ist schon sehr anstrengend, dauerhaft sein Leben ohne Familie, Partner zu regeln. Das hat mich sehr viel Kraft gekostet. Wer eine Familie hat, die zusammen hält, einen zuverlässigen Partner und gesunde Kinder, kann sich wirklich glücklich schätzen. Wenn es nicht so ist, bedeutet es überall alleine zu kämpfen. Da liegt Verausgabung nahe bzw entsteht zwangsläufig. Das geht so lange, bis man zusammen bricht. Und nun habe ich den Salat... und warte auf bessere Tage und Zeiten. Ich finde, jetzt bin ich mal dran (und Sohni auch), wir haben überhaupt nichts gegen unglaublich viel Glück. Unsere Türen stehen dafür offen
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Re: AlexandraX Tagebuch
#65: 07.06.2023 13:09:56
Es geht bergauf und ich kann wieder etwas für mich tun. Diese kleinen Freuden kommen goldrichtig. Sogar Sohni erinnert mich, mehr für mich zu machen. Er ist gerade über Gebühr belastet und mit seiner Beschaffungskriminalität konfrontiert. Ich ermutige ihn, damit offen umzugehen auch beim Anwalt und Gericht. Hauptsächlich damit er an Würde und Selbstachtung gewinnt.
Ich stehe ihm bei und habe mich selbst im Blick. Dieser kräftezehrende Dauerzustand erlaubt nur, jeden Tag einzeln zu sehen. Ein Blick zurück oder nach vor erschlägt einen mit dem ganzen Ausmaß. Niemand weiß, wieviel und welche Unterstützung nötig ist, bis mein Sohn wirklich autark handelt und sich selbst nicht mehr schadet.
Vor 1/2 Jahr war ich am Ende und nun setze ich alles daran, mich abzugrenzen und zugleich Sohni den Rücken zu stärken. Es ist ein Spagat. Und ich übe jeden Tag, es mir irgendwie trotzdem gut gehen zu lassen. Das kann ich nur, indem Vergangenheit und Zukunft ausgeblendet werden. Das liegt mir überhaupt nicht und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass (fast) alles erlernbar ist. Das Lebensmotto hat mich oft getragen. Gerade wenn man nicht weiß, wie es weiter gehen soll.
Im Resümee muß ich aber feststellen, daß ich es auch gern mal leichter hätte...
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Re: AlexandraX Tagebuch
#66: 10.06.2023 21:59:12
Die Energie kehrt zurück, wunderbar. Ich habe sogar soviel davon, dass ich meine Reisewünsche ins Auge fasse. Das tut soooo gut, sich mit positiven Gedanken und Gefühlen zu befassen. Also recherchiere ich ein wenig, träume, möbele eine eingerostete Fremdsprache auf. Ob beides von Dauer ist, wird sich zeigen. Ich lasse mir Zeit.
Und ich mache weiter mit mutmachen, zuhören, nachfragen, Interesse zeigen bei meinem Sohn. Er stellt fest, wieviel Geld da ist, wo er nicht mehr spielt. Die Rückkehr in die Realität, sich mit ihr arrangieren, so deute ich es. Natürlich ist das eine Momentaufnahme. Wenn ich überlege, dass so ein Satz noch nie über seine Lippen kam, bin ich überrascht (und spüre vorsichtige Freude). Dieses Wechselbad von abgrundtiefer Verzweiflung, die Kraft (mich und ihn) immer wieder aufzurichten, aufkeimende Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet und Misstrauen, wann die fragile Stimmung wieder kippt, war ein endloser Marathon. Hoffentlich.
Ich nehme jetzt erstmal den positiven Zustand in den leeren Speicher und freue mich einfach.
 
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Re: AlexandraX Tagebuch
#67: 17.06.2023 17:46:29
Der frühe Vogel kann mich mal. Ich erlaube mir, mir Zeit und mich treiben zu lassen. Das ist ganz schön nach dem durchgetaktetem Leben.
Entspannt bin ich mit dem Rad unterwegs, heute spontan zu einer Freundin. Ich half ihr etwas im Haushalt, es tut gut, mal etwas für sie zu tun. Sie hat fiese Rückenschmerzen.
Meine Energie war mittags aufgebraucht, das kenne ich schon. Heute zieht mich das nicht runter.
Eine Einladung wurde ausgesprochen und die Vorbereitung beginnt erst nächste Woche.
Es tut gut, Kontakte zu pflegen, ich genieße es sehr.
Sohni kommt morgen zur Stippvisite vorbei. Ich habe mich in seiner Wohnung während des Wartens auf die Handwerker beschäftigt. Nach 3 Stunden Warten habe ich die Küche etwas geputzt, nur die Arbeitsplatte, die Kaffeemaschine, den Tisch. Das war zu meinem Vergnügen. Ich bin gespannt, wie Sohni reagiert.
Mir selbst hilft eine Haushaltsapp, erst dachte ich, so ein Blödsinn. Aber nein, sie hilft mir, in die Gänge zu kommen. Es sind kleine Aufgaben jeden Tag.
Heute sollte ich noch französisch lernen. Und lesen über mein Urlaubsziel. Leider bin ich gerade etwas schlapp...
A bientot
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Re: AlexandraX Tagebuch
#68: 27.06.2023 08:43:05
Tausend Ideen und immer wieder zu wenig Energie für die Umsetzung und vor allem keine Geduld mit mir selbst bestimmen den Alltag. Ich versuche es mit Spott, manchmal hilft es.
Für die Besucherinnen am Wochenende habe ich mir Lasagne vorgenommen, die ich gut vorbereiten kann. Das Haus ist bis auf Kleinigkeiten akzeptabel. Ich hatte Jahre keine Einladung ausgesprochen, zunächst gesundheitsbedingt und- wegen Sohnis Spielsucht mit all den Katastrophen hatte ich letztes Jahr dort meine Prioritäten.
Ich denke nur mehr sporadisch an Sohni, wie angenehm, nicht mehr von Sorgen angetrieben zu werden. Er setzt sich intensiv mit der Problematik auseinander. Das tut mir so gut. Etwas, das er in der Reha erledigen musste, hat mich aus Interesse recherchieren lassen. Klar habe ich mir gedacht, dass die Spielsucht sehr komplex ist, so manche Zusammenhänge sind überraschend. Ob die Inhalte verifiziert sind weiß ich nicht. http://www.neo-iv.de/Spielsucht.pdf
Ich entspanne mental, fühle mich nicht mehr omnipotent verantwortlich. Das setzt (das bisschen) Energie frei für Hobbies und vor allem für Kontakte, die fielen auch für mich hinten runter. Ich bin ein Familienmensch ohne Familie- da muss Ersatz geschaffen werden.
Gesundheitlich bin ich sehr angeschlagen und versuche, mir trotzdem die Freude an Kleinigkeiten nicht nehmen zu lassen. Für Sonntag ist ein Flohmarkt geplant, jetzt muss ich "nur noch" einen Pavillion finden, den jemand verleiht. Hoffentlich ist hier nicht Land unter, dann kann man den Flohmarkt- Spaß vergessen.
Heute geht's zu Tantchen, die wieder auf die Beine kommt nach Krankheit.
Und danach sortiere ich für den Flohmarkt aus. Eine neue Regentonne bräuchte ich auch noch...
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Re: AlexandraX Tagebuch
#69: 27.06.2023 22:47:35
Hallo Alexandra,

ich habe mir unter deinem Link die Studie auch einmal angeschaut.
Sie beschreibt recht gut Abläufe usw. , pauschalisiert aber auch grundlegende Faktoren.
Z.B typische Eigenarten im Verhalten eines Süchtigen.
Die Komplexität empfinde ich eher hinter diesem ganzen Suchtverhalten,
wie sich so etwas entwickeln konnte und einfach oft sehr lange anhält.
Etwas was nicht mehr wichtig für mich scheint und dennoch oft schwer zu beschreiben.
Am Ende stehen dann halt irgendwelche Begründungen, entstanden aus den dann gefundenen Eigenarten.

In den letzten Jahren befasste ich mich auch sehr mit meiner Erkrankung.
Eine Störung in meinem Kopf, die ich selbst steuerte mit immer neuen Triggern.
Immer wieder plante wann und wo ich wieder spielen konnte.
In den ersten Jahren meiner Sucht immer an einen großen Gewinn glaubte, der mich dann irgendwie befreien sollte.
Mit der Zeit wurde dieser Glaube aber Nebensache und es ging sozusagen nur um das Tagesgeschäft beim spielen.
Keine Zukunft in meiner Sucht.
Dies war halt meine Krankheit im Vordergrund, wie sie sich äußerte.
Was auch immer und alles wäre auch absolut egal was in meiner Kindheit oder Jugend und danach alles gewesen war.
Es kam die Zeit einzusehen, so lange den falschen Weg gegangen zu sein wo ich alles eh nur verlor.
Krank zu sein und machtlos beim Spielen!
Niemals ging es darum es zu besiegen, sondern nur mich selbst zu akzeptieren.
Dann konnte ich anfangen loszulassen.       

Wenn Du bei irgendetwas machtlos bist, solltest Du nicht versuchen es dennoch weiter zu betreiben.
Dann kommt eh der Punkt darin gefangen zu sein, in einem verlorenem Traum.

Freunde mögen eine Familie vielleicht nicht ersetzen können, Vertrauen kennt aber auch keine verwandtschaftlichen Barrieren.

Liebe Grüße
     
 

             
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Re: AlexandraX Tagebuch
#70: 29.06.2023 14:50:03
Jetzt bin ich an dem Punkt, wo Machtlosigkeit und Wut sich breit machen. Ich bin so naiv, zumindest habe ich immer an das Gute geglaubt und mir etwas vorgemacht. Der Suchtbericht meines Sohnes hat mich schwer erschüttert. Diese massive kriminelle Energie über Jahre, während ich ihm mein 'letztes Hemd' gab für die Ernährung, es widert mich an, so benutzt worden zu sein. Und ich habe mich benutzen lassen.
Ich stelle mich in den Mittelpunkt meiner Bemühungen, nicht mehr meinen Sohn. Das liegt mir zwar nicht, aber es ist die logische Konsequenz. Und dann gehe ich in mich, welche Art der Beziehung ich haben will. Spontan möchte ich meinen Sohn fallen lassen.
Das werde ich nicht tun, weil ich selbst keine Menschenseele an meiner Seite hatte. Es waren extrem harte Zeiten nach den Mordandrohungen und - Versuchen. Das Maß an Unterstützung will genau überlegt sein.
Der immaterielle Schaden ist groß. Die Liebe ist fast erloschen, das Vertrauen zerstört, der Langmut aufgebraucht, selbst die Freundlichkeit ist abgekühlt.
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Re: AlexandraX Tagebuch
#71: 29.06.2023 19:11:50
Hallo,

eine Sucht bringt es mit sich, dass je nach der jeweiligen Hemmschwelle Beschaffungskriminalität betrieben wird.
Wobei das Verlangen nach dem Suchtmittel Geld, jene Hemmschwelle sicherlich stark beeinflusst.
Alles verspielt und man weiß nicht weiter, besorgt sich irgendwie wieder Gelder und verspielt diese auch usw......
Oft dann ein Selbstläufer sich Gelder auf anderen ( straffälligen ) Wegen zu besorgen.
Ein Spielsüchtiger ist in erster Linie krank!
Dies wird ihm aber bei einer Strafverfolgung kaum etwas nützen, doch ist es eben meist eine Folge aus der Sucht.
Willkommen im Zombieland und Gefängnisse sind voll, die haben dort alle noch Eltern oder sonstige Verwandte.

Wer anderen in irgendeiner Weise schadet sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Dafür eine angemessene Strafe bekommen und den angerichteten Schaden wieder beheben.
Es zu begreifen warum es so gelaufen ist und wieder auf den richtigen Weg kommen.
Dafür alles zu tun und seine Wertevorstellung drastisch ändern.
Mehr ist das erst einmal nicht......

Wo läge hierbei das Problem ?
Um ein Verständnis aufzubringen und ein Verhalten nachvollziehen zu können.
Dieses Forum ist voll mit Erzählungen was Spieler alles so vollbrachten an Unrecht.
Keinem wurde dabei der Eintritt hier verweigert..einige sagten es nie der eigenen Familie..andere schon.
Weil wir alle immer davon ausgehen, wer so etwas getan hat und sich hier beteiligt ..will es unbedingt ändern oder hat es schon getan!
Davon auszugehen im Suchtbericht deines Sohnes geht es um nichts anderes.

Es sollte dich nicht zu sehr belasten Alexandra, dein Sohn ist ein pathologischer Spieler.
Er wird seinen Weg gehen..diesen ging er doch schon immer.

Wir verzeihen einander und wir geben Ratschläge und Zuversicht.
Keiner sollte enttäuscht sein was ein Spieler alles so getan hat.
Sondern stolz und froh was er jetzt gerade macht.

Liebe Grüße             
   

   
   
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« Letzte Änderung: 29.06.2023 19:28:57 von Jacky1 »
 
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Re: AlexandraX Tagebuch
#72: 01.07.2023 09:28:08
Natürlich, es soll wertgeschätzt werden, dass sich ein Spieler seiner Problematik stellt. Ich habe meinen Sohn immer wieder dazu angehalten, nun tut er es oder tut nur so? Ich weiß es nicht.
Angehörige leiden auf ihre Weise, verzweifelt, hilflos, entmutigt, erschöpft. Und ich finde es wichtig, das auch zu sagen. Es geht nicht nur um Spieler, ihr Verhalten zieht Kreise- zunächst im engen Umfeld. Und was das mit mir macht, muss auch gehört werden. Natürlich kann man davor auch die Ohren verschließen. Es geht weder um Vorwürfe noch um Jammern. Es ist wahnsinnig anstrengend, sich zurück zu halten, trotzdem Mut zu machen, während es im Inneren tobt. Engelsgleich sanftmütig zu bleiben, versorgen ohne etwas unnötig aus der Hand zu geben bedeutet, "alles für den Spieler, nichts für die Angehörige". So habe ich es erlebt in extremer Belastung im verrückten letzten Jahr. Ich möchte gar nicht wissen, was ich alles noch nicht weiß.
Zwei Strafverfahren sind noch nicht abgeschlossen, das Strafmaß unbekannt. Ob es Einträge im Führungszeugnis gibt? Welche Folgen hat es für seine Arbeitssuche?
Kann sich mein Sohn abwenden von falschen Freunden, mit denen er gemeinschaftlich betrogen hat? Hört er wirklich auf mit C-Konsum? Geht er hier wieder zum Arzt, nachdem er seine Medikamente eigenmächtig und gesundheitsschädlich absetzte?
Ist er nun klüger geworden?
Das sind nur einige Fragen, die mich beschäftigen. Eine Krankheit ist kein Freifahrtschein, und hat Auswirkungen.
Das hören Spieler bestimmt nicht gerne- und es ist eine weitere Realität. Wer stabil genug ist, muss sich dem auch stellen. Das ist nicht einfach, aber fällt mit unter die Krankheitsbewältigung. Es geht nicht um grenzenlose Schuldgefühle, sondern um erwachsenes Anerkennen, dass Angehörige leiden. Nicht mehr und nicht weniger.
Und ich muss den Suchtbericht noch verarbeiten. Der Schock hat mich aufgeschreckt, nun bin ich traurig - wütend und fühle mich als Versagerin. Das ist eine Momentaufnahme und ändert sich noch....
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Re: AlexandraX Tagebuch
#73: 02.07.2023 18:56:44
Ich konnte nur für mich aufhören, für niemanden sonst hätte ich das dauerhaft geschafft.

Das wesentliche ist hier das "dauerhaft", denn es ist ursächlich erst einmal egal, aus welchen Gründen man mit einer Sucht aufhören möchte.
Gerade bei Alkohol ist es absolut gängig, sich auf Veranlassung des Arbeitgebers in Therapie zu begeben.
Auch ich nahm meine Frau zum Anlass mein (Sucht-)Leben zu ändern.
Auch wenn ich innerlich sicher schon 20 Jahre lang aufhören wollte, war sie doch der ausschlaggebene Punkt.
Auch wenn man immer wieder gebetsmühlenartig hört, dass man es selbst wollen muss.

Letzten Endes auch egal. Der Erfolg ist hier maßgeblich.
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Re: AlexandraX Tagebuch
#74: 04.07.2023 22:10:58
Austausch ist hilfreich und wichtig. Ich will ja verstehen, worin die Dynamik liegt und bin per se immer an der Seite meiner Lieben. Mein Fehler ist, daß ich mich andauernd verantwortlich gefühlt habe. Das war ich auch, bis der Betreuer aktiv wurde. Und nun ist mein Ziel, Vertrauen aufzubauen, ohne die Richtung vorzugeben. Jetzt ist das, eine mögliche Richtung aufzuzeigen, wohl nicht mehr nötig. Dieser Wechsel von krasser Desorientierung und glasklarem Verstand meines Sohnes ist schwer zu fassen und machte erst Recht die richtige Unterstützung schwierig, beschränkte sie auf die Tagesform. Was ist zuviel, was ist zu wenig? Leider kann mir niemand dazu etwas sagen. In einer Familie könnte man darüber nachdenken, leider gibt es sie nicht. Und da es niemanden gibt und ich doch verstehen möchte, helfen eben Aufsätze, Artikel. Ich sehe darin eine versachlichte Darstellung, die von Betreffenden mit Leben gefüllt wird - sofern man diese findet.

Es scheint, dass Sohni inzwischen selbst einen roten Faden hat, ich wünsche es ihm sehr. Er hat es immer schwer gehabt. Und es wäre wirklich schön, wenn jetzt seine guten Jahre beginnen...
Ich möchte eine andere Verbindung haben, eine andere Rolle. Mein Leben findet auch jetzt statt, das ich endlich mit meiner Kraft füllen möchte. Die ging immer für ihn drauf, es war ja auch wirklich nötig.
Der Schock über das Ausmaß des Spielens mündete in (heilsamer?) Anerkennung der Realität. Ich bin inzwischen nicht mehr aufgebracht, wie wohltuend. Jetzt ist mir wichtig, eine entspannte Beziehung zu meinem Sohn zu bekommen. Er kommt bald aus der Reha, wir werden sehen.
Mir hat das Geschehene gezeigt, wieviel Kraft es kostet, für die Spieler und ihre Angehörigen, irgendeinen Ausweg zu finden. Es war ein langzeitiges Durchhaltevermögen unabdingbar, jeder hat seine Sicht auf die Dinge gehabt.
Wenn es gelingt, sich mitzuteilen und zu verstehen, ist das ein guter Weg für uns.
Ich bin immer noch damit beschäftigt, die Verschlechterung meiner Gesundheit wieder in den Griff zu bekommen. Alleine das ist ein langwieriger Prozess und ist bislang schwieriger als gedacht. Medikamente müssen höher dosiert werden, mit Nebenwirkungen. Mehrere Ärzte versuchen, die Schädigung zu begrenzen. Und ich versuche, darüber keine Angst zu bekommen.

Mein Sohn entschloss sich, mir seinen Suchtbericht aus eigenem Interesse zu geben. Diese Offenlegung ehrt ihn, er will keine "Spielchen" mehr mit mir machen. Der Bericht entstand in seiner Therapie.
Mein Sohn hätte weiter gespielt, wenn ich ihn nicht immer wieder damit konfrontiert, für Therapie gesorgt und den Betreuer initiiert hätte. Inzwischen sieht er seine Sucht. Von allein wäre nichts  passiert, außer Abstieg und Obdachlosigkeit. Das Wegsehen muss immense Macht haben. Ich bin nicht dazu in der Lage zuzusehen, wie mein Sohn abstürzt.
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