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Autor Thema: Nun beginnt "unser" Weg

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Nun beginnt "unser" Weg
OP: 19.10.2021 08:40:28
Hallo,

so, ich glaube nun gab es bei uns den ersten kleinen Durchbruch. Mein Mann kam gestern von seiner ersten "Therapie"-Stunde von der Caritas nach Hause. Ich gebe zu, ich hatte nicht viel mehr erwartet als das, was ich die letzten 3 Wochen so gehört hatte: "Ich werde einfach nicht mehr spielen!!" Ich konnte das schon nicht mehr hören. Weil es mir viel zu oberflächlich und trivial geklungen hat. Genauso, wie alles andere in unserem Leben angeblich immer ganz einfach und ganz toll ist......
Hatte also nicht viel erwartet. Aber da kam mein Mann nach Hause mit einem mir völlig unbekannten Gesichtsausdruck. Die Therapeutin hat ihm wohl wirklich mal den Spiegel vorgehalten und irgendwas scheint bei ihm angekommen zu sein. Die Punkte, die er mit erzählt hat, waren für mich irgendwie alle nicht neu. Für ihn ist aber anscheinend der Groschen gefallen. Krass!! Und das in der ersten Stunde!! Er hat gecheckt, dass da tief in ihm drin noch irgendetwas ist, was dringend angeschaut werden will. Bisher hat er die kleine Stimme, die da von innen kam, immer mit oberflächlichem Optimismus weggewischt. (Alles ist immer gut!! Und alles ist immer toll!! Und er will zufällig immer genau das gleiche, das auch ich will!!)
Jetzt hat er gestern die Angst geäußert, dass da ein riesiges Arschloch/ein riesiger Egoist zum Vorschein kommt, wenn er da hinschaut. Ich glaube nicht, dass eine kleine Stimme von innen ein Arschloch sein kann. Eine kleine Stimme von innen hat einfach Bedürfnisse/Wünsche und will gehört werden: mehr Freiheit, mehr Ruhe oder mehr Nähe und Geborgenheit. Das einfach zu wünschen macht kein Arschloch aus. Ein Arschloch ist das, was sich obendrüber legt, wenn man nicht lernt mit seiner inneren Stimme gut umzugehen.
So ist es zumindest aus meiner Perspektive.
Ich bin gespannt, was da so passiert die nächsten Monate. Bin sicher, das wird ein sehr langer Prozess werden!!
Auf jeden Fall startet bei uns jetzt ein Weg. Daher der neue Thread.
Und ich weiß, es ist SEIN Weg. Aber trotzdem ein bisschen doch auch meiner, oder?

Ich danke Euch allen für alles, was ich hier bisher lesen durfte. Ich habe es tief eingeatmet und es gibt mir ganz viel Kraft!!!

JJ
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#1: 19.10.2021 12:35:56
Stimmt, André: Ich bin hier. Nicht er.
Hat mich in der ersten Woche tatsächlich viel Grübelei gekostet: Ist das ihm gegenüber fair, dass ich hier bin und nicht er? Braucht er die Hilfe nicht viel dringender?? Soll ich mich ausklinken und ihm das Forum überlassen?
Die meiste Zeit wollte ich das nicht, ihm das Forum zu überlassen. Parallel im gleichen Forum schreiben, kann ich mir beim besten Willen auch nicht vorstellen. An einem Tag, hab ich ihm tatsächlich gesagt "Okay, vielleicht bekommst du es. Ich denke drüber nach!" Am nächsten Tag kam mein Egoismus wieder durch!! :D
"Das ist MEIN Forum und ich geb es nicht her!!!"
Klingt alles wie der Streit um den Teddybären. Ist aber ernst!! Wenn er es verkackt (wieder spielt) und ich die Geraschte bin, dann schreib ich mir hier die Seele aus dem Leib und dann könnt ihr schauen, wie ihr mich wieder auffangt!! So ist das nämlich!!!

Und schaut mal alle her!! Genau mit meiner heutigen ersten Nachricht habe ich die 10 Beiträge durchbrochen und bin kein Junior-Mitglied mehr. Sondern ein vollwertiges Mitglied.  8)

Liebe Grüße
JJ
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#2: 19.10.2021 18:45:31
"Das ist MEIN Forum und ich geb es nicht her!!!"

Nichts anderes hätte ich gelten lassen ...   8)
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#3: 19.10.2021 23:26:39
Hallo JJ,

schöner Beitrag von dir! Ob es tatsächlich euer Weg wird, wird die Zukunft zeigen, ich wünsche es Dir jedenfalls. Wenn er es anpackt, gibt es eine Chance für euch. Falls es sich hier nur um ein Strohfeuer handelt oder um eine neue spielerische Glanzleistung, dann beginne bitte deinen Weg!
Schön, dass du hier bist, in deinem Forum!  8)

aT
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#4: 20.10.2021 23:06:25
Hallo JJ,

Du gehst diesen Weg mit ihm gemeinsam aber mit dem Wissen wie es weiter gehen könnte.
Äußerst selten kam es vor, dass eine Angehörige sich quasi so ins Zeug legte hier.
Du hast einige Tagebücher gelesen und noch viel mehr, hast gefragt und Antworten gesucht.
So scheinst Du zukünftig ja gut gerüstet und hast für immer einen festen Platz hier gefunden.

Und egal ob ein Funkeln in Deinen Augen so hell erleuchtet... bevor event. das kleine rote Birnchen wieder einmal durchbrennt.
Du kannst ihm ein guter Halt sein...ich weiß das und habe es ja selbst in meiner Welt erleben dürfen.
Und nicht Du wirst es sein, die vielleicht einmal loslässt, sondern er...im Falle Dich nie gehalten zu haben.
Es ist eine Chance für Euch beide ....
...ansonsten aber...alles nur für Dich!

Liebe Grüße
 

 
 
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#5: 30.11.2021 15:46:22
Letzte Woche voll in Panik geraten, als mein Mann auf die Idee kam, sein verzocktes Geld über Anwalt von dem Glücksspielanbieter zurückzuklagen. Oh mann.

Da hatte ich echt gedacht, seelisch wieder ganz gut im Lot zu sein.... und dann sagt er zwei Sätze und in mir bricht die volle Panik aus. Das ganze Paket kam auf einmal hoch. Ich hatte einfach nur noch das Gefühl zu fallen und zu fallen. Während meine Gedanken sich unendlich gedreht haben. Ich dachte, ich muß ihm den Beweis liefern, dass die Klagerei um so viel Geld gefährlich für ihn ist. Oder Artikel im Internet finden, die vor den Risiken warnen!! Und alles unter Zeitdruck!! Panik-Modus!!!!

Ich lag dann da 2 h!! Hab gewartet und gewartet bis es wieder besser wird. Irgendwann legt sich ja zum Glück die Panik!! Mir ist dann irgendwann die Idee gekommen, dass es keine Argumente braucht. Das Argument ist, dass ich die Klagerei nicht will und die Aufruhr und das Hoffen auf das fette Geld. Ich will es nicht. Ich will Ruhe von der gesamten Hoffnung auf fettes Geld. Ich will ein bodenständiges Leben führen und mit dem glücklich sein, was wir haben. Und ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass mein Mann das auch kann.

Die Bedeutung von "Hans im Glück" dachte ich ja schon immer, verstanden zu haben: "Dieser Hans ist süß", hatte ich immer gedacht "weil er ein bisschen blöd ist und nicht checkt, dass er am Ende immer weniger hat und deshalb dann trotzdem glücklich ist." Aber inzwischen bin ich mir sicher: Tatsächlich begriffen habe ich den Sinn des Märchens erst jetzt mit 45 Jahren. Hans ist nicht "dumm und trotzdem glücklich". Er ist wirklich zutiefst (!!) glücklich!!! Und er ist nicht dumm, sondern ist wirklich frei von all dem, was viele von uns so jagt: Geilheit auf Konsum, Geilheit auf Geld, Geilheit auf Besitz. Frei davon!!!
Je geiler auf Geld, desto ärmer bist Du am Ende!!!!

Zurück zu meinem Mann und seiner Klagerei. "Warum soll ich bitte nicht klagen, wenn man dabei gar kein Risiko eingeht?" - "Einfach weil ich es nicht möchte. Weil es mir Angst macht!!"

=> => => "Bitte klage das Geld nicht zurück. Einfach weil es mir Angst macht!!"

Das hat gereicht. Kein Argument. Kein Beleg. Meine Angst war Grund genug, es zu lassen. Das hat er mir gesagt. Versprochen.

Ich verlassen mich nun drauf, dass er sein Wort hält. Habe ihm auch gesagt, wenn er das nun hinter meinem Rücken macht, dann ist das kein "kleiner Ausrutscher", der mit seiner Sucht zu entschuldigen wäre. Das wäre ein absolutes No Go!!

Ich merke, dass ich ihm vertraue. Ob das gut ist, kann im Moment keiner wissen.

Ich vertraue ihm.
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#6: 30.11.2021 17:37:00
Zurück zu meinem Mann und seiner Klagerei. "Warum soll ich bitte nicht klagen, wenn man dabei gar kein Risiko eingeht?" - "Einfach weil ich es nicht möchte. Weil es mir Angst macht!!"

Der Weg wäre lang und am Ende wird der" Spieler" seiner Konsequenzen beraubt.
Zwei Faktoren die Gift für uns Suchtkranke sind.
Es muss nicht bei jedem so sein, aber mich würde die Chance auf ein s.g. "ChargeBack" völlig irre machen.
Zocken ohne Konsequenzen .. die Chance meines Lebens.
Prinzipbedingt kann sowas theoretisch sogar nach hinten losgehen.
Man stützt seine Forderung auf "illegales Glücksspiel"
Und illegales Glücksspiel ist ja nicht nur für den Anbieter strafbar, sondern auch für den Spieler.
Auch wenn es bisher nur sehr selten "verfolgt" wurde. Ich glaube ich kenne gar nur einen Fall davon.

Respekt für deinen Standpunkt:
Unabhängig der Finanzlage sich auf diese windigen Aktionen nicht einzulassen.

Du hast wirklich Format, JJ

ps.: Mit dem Vertrauen ist das so eine Sache ... lieber ein Mittelmaß mit gutem Menschenverstand.


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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#7: 01.12.2021 08:51:57
Hallo JJ,

du bist wirklich äußerst bemerkenswert! Du hast einen Plan für deine bzw eure Zukunft, lässt dich nicht beirren in deim Tun. Du hast meinen größten Respekt dies alles zu meistern inklusive einem Spieler als Ehemann. Du formulierst klar deine Botschaften gegenüber deinem Mann und stehst ihm zur Seite - ganz großes Kino!
Die Rahmenbedingungen sind gesetzt, der Teppich ausgerollt, jetzt bleibt zu hoffen, dass er auf dem richtigen Weg bleibt. Ich hoffe, dein Vertrauen wird nicht mit Füßen getreten, aber dies wird die Zukunft ganz sicher zeigen. Wenn er dein Vertrauen mit seiner Abstinenz zurückzahlt, werdet ihr eine glückliche Zukunft haben, da bin ich ganz sicher. Missbraucht er es jedoch, so hoffe ich, dass du stark genug bist, dann auch deine Konsequenzen daraus zu ziehen....
Ich grüße Dich!
aT
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#8: 30.12.2021 20:54:27
Am 25.12. haben wir die ersten 100 Tage Abstinenz geschafft. So glaube ich zumindest!! (Das werde ich mein Leben lang dazu sagen müssen!!)
Krass, was das Leben für einen so bereit hält, denke ich mir jetzt so, wo sich das Jahr dem Ende neigt....
Ich schau zurück auf diese 100 Tage. Und auf das ganze Jahr. Ich bin nicht zerbrochen an dem, was mein Mann mir zugemutet hat. Ich hab dem Monster "Spielsucht" direkt ins Gesicht geblickt. Habe mich nicht vor Angst versteckt. Ich kann im Moment gut damit umgehen, dass mein Mann spielsüchtig ist.
Ich weiß, dass da noch weitere schlimme Zeiten auf mich zukommen können. Aber ich nehme mein Leben so wie es ist.
Die Herausforderungen, die das nächste Jahr bringen wird, werde ich hoffentlich auch bewältigen können.
Im Moment bin ich ausgesöhnt mit meinem Leben. Es geht mir wirklich gut.
Ich habe gestern auch sehr lange mit meinen Eltern gesprochen. In der Tiefe konnte ich das erst jetzt, wo ich die Vorfälle aus diesem Jahr für mich sortiert hatte. Die finanziellen Themen und die emotionalen für mich in die richtige Richtung gelenkt hatte.
Meine Eltern waren schon immer sehr bedacht darauf, sich Kapital und Besitz zu erarbeiten und anzusparen. Und so haben sie uns Kinder auch erzogen. Für meine Eltern war es glaube ich vor 2 Jahren noch schlimmer als für mich selbst, als die Spielsucht meines Mannes ans Tageslicht kam. Es hat ihnen fast das Herz zerrissen.
Vor 3 Monaten habe ich ihnen dann nur oberflächlich von dem Rückfall erzählt (der eigentlich kein Rückfall war, sondern ein konsequentes geplantes Weiterspielen nach kurzer Unterbrechung). Jetzt nach diesen 100 abstinenten Tagen konnte ich ihnen erzählen wie es mir geht, was sich da alles zugetragen hat und wie perfide mein Mann mich hintergangen hatte. Und ihnen gleichzeitig anscheinend überzeugend klarmachen, dass es mir trotz allem gut geht.
Für sie eine erstaunliche Erkenntnis. Aber sie haben mir tatsächlich ihren elterlichen Respekt ausgesprochen dafür, wie ich damit umgehe. Für mich ist das ein riesiger Wert. Schon immer war mir das total wichtig, mit meinen Eltern im Reinen zu sein. Und so sind wir das nun wieder nach diversen Flaschen Rotwein und innigen Gesprächen.
Ich freue mich jetzt, wieder bei meinem Mann zu sein. Und zwar physisch wieder zurück nach meiner Reise UND seelisch wieder zurück nach unseren 100 Tagen.
Auch wenn ich Silvester noch nie mochte (wer weiß, wann man doch mal beim Sprung vom einen in den anderen Kalender abstürzt und verloren geht!!).... das neue Jahr darf für mich jetzt kommen. Ich bin bereit!!

Ich wünsche Euch allen ein gutes Rüberkommen ins Neue Jahr!!

JJ
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#9: 24.01.2022 12:24:57
So insgesamt betrachtet geht es mir gut. Das mal vorweg. Aber ich merke in den letzten Tagen sehr, dass man verletzlich wird, wenn man sein Herz wieder öffnet. Ich merke wieder, dass es wehtut, was mein Mann mit mir gemacht hat (das Lügen viel mehr als das Spielen!!).

Ich merke wie mein Herz sich wünscht, dass alles gut wird. Dass er wirklich ehrlich sein will. Und dass alles zwischen uns gerade echt ist. Mehr will ich gar nicht.

Die ersten Wochen der Abstinenz habe ich dauernd drauf gewartet, dass er mir irgendwann plötzlich beichtet "Ich habs getan. Ich hab gespielt!!" und dass es dann einfach darum geht, das wieder aufzuarbeiten und wieder den "richtigen" Weg weiter zu gehen.

Ein "Vorfall" wäre das dann, sagt er. Im Gegensatz zu einem "Rückfall", aus dem man es eben nicht herausschafft, sondern im Sumpf wieder steckenbleibt. Finde ich eine geniale Unterscheidung!!

Wenn es nur mal einen "Vorfall" gäbe, an dem ich sehen würde, dass er richtig (=> ehrlich) darauf reagiert.

Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass es bei ihm keine "Vorfälle" gibt. Er ist kein "im Affekt-"-Spieler, der auf dem Weg von der Arbeit nach Hause spontan eine Vollbremsung an der Spielhalle macht, wie ein Irrer das komplette Geld verzockt, danach noch neben den Automaten kotzt und danach jämmerlich weint.

Er ist der "strategische Spieler", sein Leben immer schön "im Griff", immer zusehen, dass das Konto nie ganz leer ist, alle Vorkehrungen treffen dass es die Partnerin nicht merkt, alles gut durchdacht und langfristig geplant. Hochintelligent. Und perfide.

"Und ist das jetzt gut oder schlecht?" hat er mich gefragt.
"Anders scheiße. Es erspart mir, jeden Tag das schlimmste zu befürchten. Zwischen Höhen und Tiefen gebeutelt zu werden. Ich komme zur Ruhe. Aber wenn es einen Rückfall gibt, dann aktiv geplant, mit vollem Vorsatz, und im vollen Wissen was er da tut. Im Gesetzt hat das auch einen Namen: die besondere Schwere der Schuld."

So ist das.

JJ
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#10: 24.01.2022 13:36:19
Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass es bei ihm keine "Vorfälle" gibt. Er ist kein "im Affekt-"-Spieler, der auf dem Weg von der Arbeit nach Hause spontan eine Vollbremsung an der Spielhalle macht, wie ein Irrer das komplette Geld verzockt, danach noch neben den Automaten kotzt und danach jämmerlich weint.

So 2-3 Kilometer vor meinem Haus gibt es eine Abzweigung. Dort musste ich abfahren, wenn ich in meine "Stammspielhalle" wollte.
Nicht nur einmal fuhr ich gegen meinen festen Willen, mit Tränen in den Augen dort ab und zur "Halle".
Spontan oder geplant, zocken machte immer "Spaß" ... am meisten "Spaß" machte es mir, wenn ich Zeit oder Geld hatte, was ich nicht rechtfertigen musste.
Wie ein König fühlte ich mich, wenn ich beides gleichzeitig hatte.

Auch wenn ich es beim "Augenlicht meiner Kinder" geschworen hatte,
habe ich in meinem Leben eines nie getan:  Einen "Vorfall" sofort bereichtet.
Ich habe nur "gepetzt", wenn die Spatzen es sowieso schon von den Dächern zwitscherten.

Das mit dem "Vorfall" ist so eine Sache.
Wenn jemand "einmalig" durch eine besondere Konstellation "rückfällig" wird, dies sofort  bearbeitet und die entsprechenden Maßnahmen einleitet, mag man von einem "Vorfall" sprechen. 2 oder 3 "Vorfälle" gehören schon nicht mehr dazu.
Dieses Wortspiel wird gern verwendet, weil es sich so schön "harmlos" anhört.
Genauso nennen einige ihre "Suchttherapie" gern "Reha" - klingt so gesund.
Dabei heißt Reha ja, den ursprünglichen Zustand wiederherstellen., Also wieder zum Suchtkranken werden ? Nee lieber nicht.

Spielt sowieso keine Rolle. Gezockt ist gezockt.

Ich kenne ( kannte ) so manchen, der von ersten Tag an damit kokketierte, dass  "Rückfälle" zur Sucht gehören.
Das ist wohl auch die offzielle Meinung. Ich für mich persönlich habe keinen Rück- oder Vorfall jemals auch nur angedacht.
In meinem Sprachschatz existiert es nicht. Für mich, für meine Abstinenz.

Manchmal kommt meine Frau auf dieses Thema und wahrheitsgemäß antworte ich ihr,
dass es jederzeit Rückfälle geben kann.
Irgendwie ist sie dann immer enttäuscht und beängstigt.
Habe es ihr oft erklärt, dass es nach besten Wissen und Gewissen bei mir nicht vorgesehen ist,
es aber nunmal die Realität in der Suchttherapie ist.

Ich habe auch in den ersten Tagen meiner "Abstinenz" im Forum laut herumposaunt, dass ich nie wieder spielen werde.
Sagt natürlich jeder, oder denkt es zumindest. Die meisten lachten wohl innerlich.
Ich auch, denn irgendwie wusste ich ab der ersten Minute, dass es "diesmal" ganz anders ist.

Er ist der "strategische Spieler", sein Leben immer schön "im Griff", immer zusehen, dass das Konto nie ganz leer ist, alle Vorkehrungen treffen dass es die Partnerin nicht merkt, alles gut durchdacht und langfristig geplant. Hochintelligent. Und perfide.
Ich dachte das auch oft und wünschte mir, einfach dumm zu sein. Dann wäre einiges leichter. Dachte ich.

Diese kontrollierte Verhalten ist allerdings eine ausgepägte Folge unserer Krankheit.
Nichts gutes, nichts intelligents, nichts brauchbares.
Es ist ein Spiel mit der "Macht". Macht über den Automaten, das Spiel, das Wissen und sonstwas.
Und nicht zu letzt "Macht" über Menschen.

Zur Abstinenzentscheidung gehört ja die "Kontrolle abzugeben". Die Kontrolle über unser Spielverhalten.
Das ist nicht so einfach wie es klingt und erfordert vom Betroffenen eine Wesensänderung.

Kleine Brötchen backen könnte hier das Schlagwort sein. Ganz kleine.  Bei mir waren es sogar winzigste.

Es muss getan werden was getan werden muss.
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#11: 24.01.2022 18:02:06
Moin JJ,

Rückfall, Vorfall  strategischer Spiele....
Solche Begriffe und Unterscheidungen sind wenig hilfreich. Zu Erklärung Teile ich mich in zwei Teile. Der eine ist der Mensch Taro. Der andere der Spieler.
Hat der Spieler die Oberland wird alles  wirklich alles einem Ziel untergeordnet. Weiter spielen zu können. Daher ist die Vorstellung es meinem Partner sofort zu erzählen sehr Lustig. Hat der Spieler die Oberland ist es schier unmöglich.
Wenn ich strategisch handeln muss um weiter zu spielen werde ich es natürlich machen.

Dem Mensch Taro, der den Spieler Taro vor vielen Jahren ins Körbchen geschickt hat ist Ehrlichkeit sehr wichtig. Und doch weiss meine Frau  einen Rückfall würde ich Ihr nicht erzählen. Den entweder habe ich soviel verspielt das Sie es eh merkt. Oder es kann Sie nur beunruhigen mit unseren drei Kindern. Helfen kann Sie mir eh nicht. Dafür gibt es Freunde in der SHG.

Taro
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#12: 24.01.2022 19:29:24
Sobald er sich nach einem Vorfall der Selbsthilfegruppe öffnen würde, wäre das ja das "richtige" Verhalten!!
Wenn er das nicht tut, sondern alles verbirgt vor all denen, die ihm Hilfe geben könnten, dann ist es verkackt und auch kein Vorfall mehr.

Mir geht es da nicht primär um die Ehrlichkeit mir gegenüber, Taro. Sondern seinem Therapeuten ODER Selbsthilfegruppe ODER Kumpel gegenüber und damit auch sich selbst.
Bisher hatte er ALL das vermieden. Und im letzten Jahr auch seinen Therapeuten erfolgreich belogen.
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#13: 25.01.2022 11:43:05
Hey JJ,

Das mit der Ehrlichkeit ist recht komplex und wird es denke ich auch immer irgendwo, irgendwie bleiben. So meine Empfindung.

Ehrlichkeit kann man fordern und ja, dein Partner kann dir auch ehrlich sagen das er nicht mehr spielen möchte, und es auch so meinen.
Aber das was ich gelesen und selber erfahren habe, kann das Teufelchen auf der Schulter oft stärker sein und ,so meine Interpretation sagen "Ja ich weiß du hast ihr grade gesagt dass XY, aber ist doch nur eine Runde/ist doch nur ein 10er".

Verstehst du was ich meine?

Ich verstehe dich zu 1000% was du dir wünschst.
Aber das ist eben diese Komplexität.

Ich hatte meinem vor 2 Jahren gesagt "Bitte rede mit mir wenn du gespielt hast damit wir eine Lösung/einen Weg finden können" und das tat er auch.
Meine Intention war das er ehrlich sein sollte, jedoch nicht nach dem Motto das er immer wieder spielt und es dann einfach "ehrlich" gesteht.
Klar, er war in dem Moment ehrlich und ist meinem Wunsch gefolgt, aber das war dann doch nicht ganz die Vorstellung dass das ganze abflacht und er sagts einfach nur.
Vll sollte ich dazu sagen das ich auch irgendwann keine Konsequenzen mehr ankündigte da ich nichts mehr im Repertoire hatte und die letzte Konsequenz das gehen sein würde, das aber auch nicht ankündigen konnte da ich dies Jahre zuvor schon zu oft nutzte und nie in die Tat umsetzte  :D

Hoffe ich habe dich nicht zu sehr verängstigt.
Am besten hilft nach wie vor das Bauchgefühl, und da ich gelesen habe das du einen MBSR Kurs gemacht hast, hast du vll ja schon etwas Übung oder einen guten Zugang zu deinem Gefühl :)

Liebe Grüße,
Hestia
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Re: Nun beginnt "unser" Weg
#14: 25.01.2022 16:36:35
Hallo,

Hestia, Du hast mich nicht verängstigt, nein.
Ich kann Dir absolut folgen bzgl. Teufelchen auf der Schulter. Vielleicht sitzt auf der anderen Schulter ein Engelchen, der es wirklich schaffen will...

...vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht sitzt da nur das VERMEINTLICHE Engelchen, das sich für den "lieben und guten" Ehemann hält und immer schön das sagt, was die Frau hören möchte. Wenn das so ist, ist das in Echt auch ein Teufelchen. Und alles Geredete ist nur VERMEINTLICH gut.

Dahinter sitzt dann der Stratege, der es bestens beherscht, den Gutmenschen zu spielen!!

Ist für mich tatsächlich etwas anderes, als Fred, der selber drüber weint, dass er die Abzweigung zur Spielhalle nimmt. (genommen hat!!)

Hätte es toll gefunden, mein Mann hätte mal über sein eigenes Verhalten geweint, ohne dass er gerade von mir ertappt worden wäre.

Okay, es ist alles egal, sagt ihr alle.... Stratege hin, Stratege her. Meinetwegen!!!!

Auf jeden Fall bin ich nicht zu blöd, um einen Mann zu verlassen, wenn ich das will. Den Vater meiner 3 Kinder habe ich vor Jahren einfach "nur" deshalb verlassen, weil mein Herz nicht mehr bei ihm war. Er hat mir nie was getan, ist ein ehrlicher bodenständiger Mann. Ich hab mit ihm 3 Kinder bekommen, ein Haus gebaut (und einen Baum gepflanzt) und dann gesagt "Sorry, es geht nicht mehr!!". Zitat Fred: "Es muß getan werden was getan werden muß."

Im Moment ist es bei mir definitiv nicht an der Zeit zu gehen. Aber wenn es irgendwann an der Zeit sein sollte, dann werde ich das merken.

Wo ich auf jeden Fall anderer Meinung bin, ist die Einstellung von Taro... so von wegen, wenn was schief läuft, brauchts die Frau nicht wissen... beunruhigt sie nur unnötig mit ihren 3 Kindern. Also feststeht für mich persönlich: Wenn ich selbst mal was so richtig verkacken würde, Geld verzocken, fremdgehen, sonstwas... dann werde ich das meinem Mann DEFINITIV sagen. Weil ich mich erst dann wieder wohl fühle, wenn ich wieder authentisch bin und im Reinen mit der Welt. Wenn das dann Konsequenzen haben sollte, dann ist das eben so.

Für mich ist das der Inbegriff von "inniger Nähe". Wenn mein Partner mir die so nicht geben will, muß ich das auch zur Kenntnis nehmen. Kann man ja nicht erzwingen. Ich selber werde es in einer Partnerschaft immer geben.

Last but not least: André, Du hast verstanden, wie es mir geht. Danke!!!!

JJ

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