Hallo Apathetic,
ich denke jetzt schon eine ganze Weile über deinen Kommentar nach.
Ich selbst bin nicht spielsüchtig, sondern Angehörige.
Da ich mich in einen Spielsüchtigen nicht hineinversetzen kann, habe ich versucht, deinen Gedankengang aus einem anderen persönlichen Blickwinkel nachzuvollziehen: Seit ich Teenager war, wollte ich immer ein Motorrad besitzen. Mit 18 machte ich den Führerschein, aber ich musste 30 werden, bis ich mir endlich ein Motorrad kaufen konnte. Bis dahin nutzte ich jede Gelegenheit, um Kumpels etc. davon zu überzeugen, mich mit ihrer Maschine mal fahren zu lassen. Der Wunsch nach einem Motorrad war übermächtig groß.
Dann hatte ich also irgendwann mein eigenes Motorrad. Und musste zu meiner Überraschung feststellen, dass ich gar nicht oft damit fuhr? Es stand meist in der Garage. Also verkaufte ich es nach einiger Zeit. Als die Honda mit dem neuen Besitzer den Hof verließ, rannen mir tatsächlich Tränen herunter. Das Gefühl, etwas Wichtiges verloren zu haben, war furchtbar. Also machte ich mich nach ein paar Tagen auf die Suche nach einem neuen Motorrad, fand es, kaufte es, fuhr ein paarmal - und dann stand es wieder in der Garage.
Dieser Kreislauf aus kaufen - wenig fahren- verkaufen - furchtbar traurig sein - kaufen wiederholte sich etliche Male. Bis ich eines Tages in einem mentalen Stadium war, in dem ich mich ernsthaft fragen konnte, weshalb ich so etwas Sinnloses tue. Sofort nach meiner Frage an mich kam der Begriff "Freiheit!" in mir hoch, und mir wurde klar, dass ich versucht hatte, mich frei zu fühlen, indem ich ein Motorrad besaß (nur besaß! Nicht fuhr!) - sozusagen den Inbegriff für Freiheit ("sich den Wind um die Nase wehen lassen" usw.). Ich hatte also meine Freiheit immer in der Garage stehen - toll!
Natürlich wurde mir der Irrsin, das "Wieso" meines sinnlosen Verhaltens (meiner Sucht?) augenblicklich klar. Ebenso augenblicklich klar wurde mir, dass ich ja so oder so "frei" bin. Dass ich, um mich frei zu fühlen, überhaupt kein Motorrad brauche. Dass ich überhaupt kein Vehikel brauche, um Freiheit erfahren und leben zu können. Das war ein sehr "befreiender" Moment!
Needless to say, ich verkaufte dann mein aktuelles Motorrad (eine Bulldog, der ich noch heute hinterherweine, he he!) und konnte befreit zusehen, wie sie vom Hof fuhr.
Ohne das "Wieso" würde ich wahrscheinlich auch heute noch Motorräder kaufen und verkaufen ... Oder mein Wille, diesen Kreislauf zu durchbrechen, war so stark, dass ich mich endlich auch stark genug fühlte, das "Wieso" anzusehen? Wer weiß das schon ...
Insofern denke ich, dass das "Wieso" durchaus auch bei einem Spielsüchtigen hilfreich sein KANN? Vor allem dann, wenn er noch überhaupt keine Ahnung hat, worin der Grund liegen könnte? Man könnte sich in einer ruhigen Minute vielleicht einmal fragen:
Wann war wirklich das erste Mal bei mir oder wann habe ich das erste Mal daran gedacht, es zu tun? Was ist zuvor oder in diesem Zeitraum in meinem Leben passiert?
Gab es in meinem Umfeld Menschen (Vater, Mutter, Brüder, Freunde ...), die etwas Ähnliches getan haben (spielen / zocken / traden / "komische" Geschäfte einfädeln etc.) und die ihr negatives Verhalten als "normal" oder "gut" dargestellt haben, sodass ich dieses Verhalten als sinnvoll übernommen habe?
Es gäbe sicherlich noch viele andere Fragen, die man sich stellen könnte.