Mein Mann und ich haben uns vor zweieinhalb Jahren kennengelernt und sind seit eineinhalb Jahren verheiratet.
Am 12.6. telefonierte ich, wie so häufig, mit meiner Mama. Sie ist 86 und lebt seit einem halbherzigen Suizidversuch (Verlust des Ehemannes, Einsamkeit, menschliche Enttäuschung durch meine Schwester) in einem Seniorenheim. Sie ist psychisch immer noch labil. Ich habe eine Generalvollmacht. Im Verlauf des Telefonats sagte sie: „Ach, übrigens, dein Mann hat mich vor ein paar Tagen angerufen und gefragt, ob er sich 1.000 Euro von mir leihen kann – es soll wohl eine Überraschung für dich werden. Das ist doch okay, oder?“ Sie liebt meinen Mann über alles und sagt immer wieder, wie froh sie sei, dass ich ihn gefunden hätte und dass sie sich nun keine Sorgen mehr um mich machen müsse. Grundgütiger …
Ob der Vergangenheit (dazu komme ich später) lief es mir heiß und kalt den Rücken hinunter. Ich beruhigte meine Mama und versuchte, das Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. Dann kontaktierte ich meinen Mann und fragte ihn, ob das stimmte. Nach und nach (ich musste ihm wieder einmal alles einzeln aus der Nase ziehen), stellte sich heraus, dass er gerade bei der Polizei war, um Anzeige zu erstatten und auch sich selbst anzuzeigen. Weiter stellte sich heraus, dass er im Verlauf von zwei Tagen insgesamt knapp 50.000 Euro vom Konto meiner Mutter (er verfügte über Zugang zu ihrem Konto, da er bisher derjenige war, der alle Bankgeschäfte erledigt hat) abgezogen hatte. Das Geld hatte er an Online-Betrüger überwiesen, die es tatsächlich geschafft hatten, ihm weiszumachen, dass er durch diese Zahlungen das Doppelte zurückerhalten würde. Da wurde mir klar, dass mit meinem Mann etwas überhaupt nicht stimmt. Wer, um Gottes Willen, ist denn so bescheuert, dass er so etwas glaubt?
Wenn ich alleine das lese, was ich bisher geschrieben habe, wird mir schlecht. Genau genommen noch schlechter, denn mir ist seit letzter Woche dauerschlecht.
Jetzt muss ich das Ganze wohl mal irgendwie aufdröseln.
Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens verfügte ich über ausreichend Geld aus einem Hausverkauf. Er hingegen verfügte über kein nennenswertes Geld. Aufgrund seines ungewöhnlichen Namens fand ich schnell heraus (das war praktisch am ersten Tag), dass er einmal in eine kriminelle Geschichte verwickelt gewesen war und konfrontierte ihn damit. Er erklärte mir sofort die Hintergründe (und zeigte mir später auch das Original-Gerichtsurteil), und es stellte sich heraus, dass er selbst juristisch gesehen tatsächlich NICHT kriminell gewesen war. Auch seine Kinder bestätigten mir dies später. Aufgrund dieser Geschichte hatte er über zwei Jahre in Untersuchungshaft gesessen. Er hatte es damals geschafft, ein Revisionsurteil zu erhalten und hätte damit das Recht auf ein neues Verfahren gehabt. Da dies aber erneut eine lange Zeit in Untersuchungshaft bedeutet hätte (er hatte draußen Frau und drei Kinder, die natürlich sehr litten), entschied er sich, das erste Urteil zu akzeptieren, und da er mit der Untersuchungshaft die ihm auferlegte Zeit bereits abgesessen hatte, kam er sofort frei. Dadurch, dass er das Urteil akzeptiert hatte (und durch andere Vorfälle aus der Vergangenheit, an die ich mich nicht mehr im Detail erinnern kann – es sind einfach sehr viele Geschichten), saß er nun auf einem recht großen Schuldenberg – wohl um die 80.000 Euro. Daraufhin entschloss er sich, in die Privatinsolvenz zu gehen. Nach der Entlassung nahm er einen Job als Fahrer an. Offenbar hatten seine Frau und er sich inzwischen auseinandergelebt, und vielleicht auch durch das ständige Auf und Ab und den Stress im gemeinsam Leben erkrankte seine Frau an Krebs und sie trennte sich von ihm. Im Jahr 2020 starb sie.
Ende 2021 kamen wir also zusammen. In den ersten sechs Monaten war ich so glücklich wie noch nie in meinem Leben, aber heute gelingt es mir nicht einmal, mich an dieses Gefühl zu erinnern. Und irgendwie will ich es auch gar nicht, denn kommt mir alles wie eine Lüge vor. Vielleicht schreibe ich dazu später etwas.
Ich wusste also von Anfang an, wo ich finanziell mit ihm stand, aber es hat mir noch nie etwas ausgemacht, mich in einen „armen“ Mann zu verlieben. Geld ist doch nicht das Wichtigste! Heute sehe ich das etwas anders. Und auch, wenn es kaltherzig rüberkommen mag und vielleicht nicht immer zutrifft: Jemand, der finanziell abgesichert ist, steht eher mit beiden Beinen fest im Leben und ist eher ein guter Partner als jemand, der es nicht geschafft hat, finanziell abgesichert zu sein.
Was mir allerdings bereits damals etwas seltsam vorkam, war seine offensichtliche Risikobereitschaft, wenn es um Geschäfte ging. Ich hatte den Eindruck, dass er Risiken nicht ernsthaft in Betracht zieht. Trotzdem erzählte er mir immer, welch ein erfahrener Geschäftsmann er sei, und da er aus einer völlig anderen Branche kommt als ich, habe ich es geglaubt.
Später erfuhr ihr (ich glaube, er hatte sich verplappert und ich fragte nach), dass er in jungen Jahren bereits einmal verurteilt worden war und seine Zeit als Freigänger „abgesessen“ hatte. Damals war er zum Geschäftsführer ernannt worden, weil der eigentliche Firmeninhaber aufgrund seiner Insolvenz dies nicht durfte. Der eigentliche Firmeninhaber hat dann ohne sein Wissen Gelder veruntreut, ist danach ins Ausland geflohen, und mein Partner wurde an seiner Stelle „verknackt“. Völlig zu Recht, wie ich finde, denn wer einen Geschäftsführerposten annimmt und nicht prüft, was in der Firma abläuft, muss halt mit den Konsequenzen leben. Antwort auf meine Frage, weshalb er mir diese Geschichte nicht gleich am Anfang erzählt hatte: Aus Scham.
Ich muss den Rest abkürzen oder später nachschieben, sonst sprenge ich das Forum.
In der glücklichen ersten Zeit entwickelten wir beide eine wirklich geniale Geschäftsidee. Ich stehe heute noch hundertprozentig hinter dieser Idee. Um sie zu finanzieren, steckte ich einen großen Teil meines Geldes hinein. Da er selbst finanziell nichts beitragen konnte, schlug er mir vor, seinen Beitrag zu leisten, indem er Börsengeschäfte / Daytrading betreibt, von dem er sagte, dass er viel Erfahrung damit hätte. Nach einigem Hin und Her und vielen Erklärungen, die ich forderte, stimmte ich zu. Mir war das Risiko bei solchen Geschäften bewusst, deshalb machte ich auch keinen Terror, wenn es neben Gewinnen auch mal Verluste gab.
Dann kam der erste Schock. Eines Abends bat er mich, da er an der Börse gerade eine tolle Chance sehe, noch einmal 200 Euro nachschießen zu dürfen. Ich gab ihm die Erlaubnis. Am nächsten Tag stellte ich fest, dass er am Abend zuvor ZWEIMAL 200 Euro nachgeschossen hatte. Ich stellte ihn zur Rede und er antwortete, dass er geglaubt hätte, noch nicht überwiesen zu haben, deshalb hätte er „aus Versehen“ ein zweites Mal überwiesen. Für wie blöd hält der mich eigentlich?
Die Börsen-/Daytrading-Geschäfte liefen mal besser, mal schlechter, aber letzten Endes machte er dort nur Verlust. Was auch sonst. Dennoch schaffte er es immer wieder, mich davon zu überzeugen, dass er JETZT ENDLICH die richtige Investitionsstrategie gefunden habe und deshalb noch einmal Geld brauche. An dieser Stelle mache ich mir die allergrößten Vorwürfe.
Das Ganze gipfelte zunächst darin, dass er (er hatte immer noch Zugänge zu allen Konten) sich mehrfach ungefragt von meinem Konto Geld „lieh“, weil er „eine tolle Chance“ gesehen und entweder „keine Zeit“ gehabt hatte, um mich zu fragen, oder weil er mir „eine Überraschung“ bereiten wollte. Manchmal war das Geld dann komplett weg (bspw. durch Knock-out-Zertifikate), manchmal konnte er etwas davon retten. Nur einmal haben wir wirklich gute Gewinne und praktisch keine Verluste gemacht: als wir gemeinsam vor dem Computer saßen. Da sind wir tatsächlich rechtzeitig rein und wieder raus. War aber, wie mir erst sehr viel später bewusst wurde, reines Glück.
Wenn ich den kompletten finanziellen Schaden zusammenrechne, fehlt nicht viel bis 100.000 Euro.
Man kann sich vorstellen, dass es in diesen Situationen zu sehr heftigen Diskussionen kam, und nicht nur einmal habe ich ihm voller Wut, Enttäuschung und Verzweiflung meinen Ehering an den Kopf geworfen. Ich mache mir die allergrößten Vorwürfe, dass ich es damals nicht durchgezogen habe, denn:
Jetzt ist nicht nur meine finanzielle Zukunft in Gefahr, sondern tatsächlich auch das Leben meiner Mutter.
Er muss und will es meiner Mutter beichten. Wie und wann er es vorhat, weiß ich noch nicht. Es wird ein Psychologe dabei sein, und meines Erachtens sollte auch das eine oder andere Familienmitglied zugegen sein, um sie zu stützen, und ich habe vor, ihren Hausarzt einzubinden. Aber ganz egal, wie gut so etwas vorbereitet wird: Ich sehe mich der ganz realen Gefahr ausgesetzt, dass meine Mutter diese Schocknachricht nicht überwindet. So sieht’s aus.
Mein Fazit: „Absoluter Realitätsverlust.“ Nicht nur in Geldangelegenheiten. Darüber schreibe ich vielleicht beim nächsten Mal.
Was ich jetzt bräuchte?
Erstens: Zuwendung. Es gibt drei Freundinnen (zwei davon im Ausland), die mich so gut unterstützen, wie sie können. Das war’s aber schon. Meine eigene Familie weiß es noch nicht, also kann die mir nicht helfen. Die Kinder meines Mannes stehen hinter ihrem Papa und interessieren sich für meine Lage null. Und das, obwohl sie mir immer alle versicherten, ich gehöre „zur Familie“. Autsch, aua, autsch.
Zweitens: Erholung. Die kann ich mir gar nicht leisten, da im Moment viel Organisatorisches erledigt werden muss, darüber hinaus muss ich Geld verdienen (ich bin selbständig). Also keine Erholung. Auch kein erholsamer Schlaf, nada.
Drittens: Die Lösung verschiedener praktischer Probleme. Muss ich alles alleine machen, trotz nicht ausreichender Zuwendung, trotz fehlender Erholung, trotz fehlender finanzieller Mittel.
Viertens: Einen Ehemann, der sich seinem Selbst stellt und auch seiner ganz praktischen Verantwortung. Wir hatten in den vergangenen Tagen zu verschiedenen Dingen Kontakt, aber es ist wie immer. Bis ich ihn beispielsweise dazu gebracht hatte, zu versprechen, diesen ganzen Mist meinen beiden Tanten zu erzählen, die eng mit meiner Mama verbunden sind, statt diese schwere Aufgabe mir, der Geschädigten, aufzubürden, vergingen einige heftige E-Mails. Es gibt noch andere aktuelle Problem und Aufgaben, für die er keine Verantwortung übernehmen will oder wo er mich wieder einmal vertröstet.
Seine Lügen gehen übrigens weiter. Ich fragte ihn heute, ob er den Polizisten erreicht hätte, um den Termin bei meiner Mama abzustimmen. Er sagte, er hätte ihn noch nicht erreicht. Ich rief dann selbst dort an und erfuhr: Der Polizist ist drei Wochen in Urlaub.
So, jetzt habe ich mich ausgekotzt. Aber Vorsicht, in mir steckt noch mehr von dem Zeug.