Spielsucht Soforthilfe Forum (SSF)

Spieler & Angehörige => Ich bin hier ... NEU => Thema gestartet von: Bodensee92 am 20.10.2025 14:25:39

Titel: 15 Jahre!
Beitrag von: Bodensee92 am 20.10.2025 14:25:39
Fünfzehn Jahre Spielsucht.
Drei Therapien.
Unzählige Nächte, in denen ich mir geschworen habe: Nie wieder.
Und doch wieder gefallen bin.

15 Jahre – und ich bin gerade erst Anfang 30.
Klingt verrückt, oder?
So viel Zeit, so viel Leben –
und trotzdem fühlt es sich manchmal an, als würde ich gerade erst anfangen, wirklich zu leben.

Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu bekommen.
Nicht, um Applaus zu hören oder Likes zu sammeln.
Ich schreibe, weil Schweigen irgendwann zu schwer wird.
Weil Worte manchmal das Einzige sind, was bleibt,
wenn alles andere längst verloren ist.

Ich habe vieles verloren:
Zwei Familien. Zwei Ehen.
Ein Haus, in dem Lachen war.
Freunde, die gegangen sind.
Und mich selbst – den Menschen, der ich einmal war.

Aber da ist etwas, das mich nicht loslässt.
Vielleicht ein Rest Würde. Vielleicht Trotz. Vielleicht einfach das Leben selbst.
Ich stehe wieder. Immer wieder.
Wacklig. Müde. Leer.
Aber aufrecht.

In den Therapien traf ich Menschen,
die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein bin.
Menschen mit derselben Leere in den Augen,
mit demselben Zittern in den Händen,
mit demselben Traum, doch irgendwie frei zu werden.

Spielsucht – ein Wort, das klingt, als wäre es bloß ein Problem.
Aber in Wahrheit ist es ein Monster,
das dich leise frisst, bis du dich selbst nicht mehr erkennst.
Dabei geht’s nie ums Geld.
Es geht um das Brennen.
Um dieses Loch, das gefüllt werden will, koste es, was es wolle.

In diesen drei Therapien habe ich viel gelernt.
Über mich. Über die Krankheit.
Über das Craving, diesen plötzlichen Sog, der dich aus dem Nichts packt.
Über Suchtverlagerung, wenn du glaubst, du bist „clean“,
aber plötzlich anfängst, anders zu übertreiben.
Über die Vergangenheit, die dich fesselt, wenn du sie nicht ansiehst.
Über Abstinenz, die so viel mehr ist als nur Verzicht.
Über Kontrolle, die in Wahrheit nicht existiert.
Über Co-Abhängigkeit, Schuld, Scham.
Über Routinen, die Halt geben.
Über Selbstfürsorge, die ich nie gelernt hatte.
Über Trigger, Rückfälle, Therapieketten, Emotionen.
Ich habe alles verstanden.
Theorie ohne Ende.

Ein ehemaliger Primar und Gerichtsgutachter sagte einmal:

„Die beste Krankheit ist die Suchterkrankung –
weil man sie selbst in der Hand hat.“

Dieser Satz hat sich eingebrannt.
Am Anfang hat er mich wütend gemacht.
Ich fand ihn überheblich, fast grausam.
Aber irgendwann hab ich’s verstanden.
Er hatte recht.

Denn du kannst alles wissen,
alles durchdringen,
jeden Fachbegriff kennen,
jedes Gefühl analysieren –
und trotzdem nichts ändern,
wenn du nicht selbst den Mut findest, zu handeln.
Weil wir die Einzigen sind,
die es wirklich ändern können.
Niemand sonst.

Es wird Zeit loszulassen.
Es wird Zeit, diesem Scheiß den Mittelfinger zu zeigen.

Und manchmal frage ich mich:
Warum sind wir so?
Ist es in unseren Genen, tief im Blut versteckt?
Oder sind es die Risse in der Kindheit,
die nie richtig verheilt sind?
Traumata, die man nicht benennen kann,
aber spürt – nachts, wenn alles still ist.
Oder ist es einfach das Menschsein selbst?
Diese ewige Suche nach etwas,
das größer ist als wir?

Ich war am Abgrund.
Ich hab den Tod gespürt – nicht als Angst, sondern als Versuchung.
Ich war im Gefängnis,
weil ich Schulden nicht mehr zahlen konnte.
Ich war ein Schatten.
Aber ich bin noch hier.
Ich kämpfe.
Jede verdammte Sekunde.
Gegen das Verlangen.
Gegen das Vergessen.
Gegen diesen inneren Schweinehund,
der mich manchmal auslacht und flüstert:
„Komm schon, nur einmal. Nur ein Spiel.“

Wir sind keine schlechten Menschen.
Das will ich sagen.
Das muss ich sagen.
Wir sind keine Monster, keine Versager.
Wir sind Menschen mit Wunden,
die nur anders aussehen als die von anderen.
Es ist keine Charakterschwäche, wenn man fällt.
Es ist menschlich, wieder aufzustehen.

Und wenn jemand von außen über Spielsucht redet,
spüre ich, wie groß diese unsichtbare Mauer ist.
Sie meinen es nicht böse.
Viele haben Mitgefühl.
Manche haben sogar Tränen in den Augen.
Aber sie können es nicht wirklich verstehen.
Nicht so, wie wir es verstehen.
Sie sehen das Außen –
die Schulden, die Verluste, die kaputten Beziehungen.
Aber sie spüren nicht das Innere –
dieses Vakuum, diesen Sog,
diese falsche Wärme, die dich kurz trägt
und dann wieder zerstört.
Und das ist okay.
Manche Dinge kann man nur fühlen,
wenn man selbst im Feuer stand.

Ich fühle mich oft allein.
Kaum Freunde, kaum jemanden,
mit dem man einfach mal reden kann.
Ohne Scham. Ohne Urteil.
Ohne dieses „Ach komm, reiß dich halt zusammen“.
Vielleicht gibt’s da draußen ja ein paar,
mit denen man wirklich mal im Alltag sprechen kann.
Ehrlich. Echt. Ohne Masken.
Über das, was in uns passiert.
Über diesen ständigen Kampf zwischen Wollen und Dürfen,
zwischen Sehnsucht und Selbstzerstörung.

Und weißt du was?
Das Schreiben hilft mir.
Es ist mein Ventil, mein kleines Licht.
Mein Hobby – wenn man so will.
Zwischen all dem Chaos ist es das Einzige,
das mir nicht wehtut,
sondern mich leiser macht.
Klarer.
Ehrlicher.

Ich lerne langsam, langsamer zu werden.
Entschleunigung.
Atmen.
Mal still sein, ohne gleich zu flüchten.
Manchmal einfach einen Kaffee trinken
und den Himmel anschauen,
ohne etwas zu müssen.

Vielleicht ist genau das der Anfang.
Nicht das große „Ich hab’s geschafft“.
Sondern das leise „Ich bin noch hier.“

Und wenn du das liest und dich irgendwo erkennst:
Du bist nicht allein.
Auch wenn’s sich so anfühlt.
Wir sind viele.
Und wir leben noch.

Titel: Re: 15 Jahre!
Beitrag von: Wirbelwind am 20.10.2025 15:29:39
RESPEKT !!!

Unabhängig davon, hier liegt einer der Hunde begraben,...

Vielleicht ist genau das der Anfang.
Nicht das große „Ich hab’s geschafft“.
Sondern das leise „Ich bin noch hier.“

Das große "ich habs geschafft" wird nie eintreten, die Sucht IST und bleibt ein Teil von Dir, akzeptiere es...

Erst wenn du AKZEPTIERST und verstehst das dein Suchti GENAUSO STARK ist wie du selbst - denn er ist und bleibt ein Teil von Dir- erst dann hast Du eine Chance damit zu leben.

10 Jahre hab ich mir gesagt, ich schaff das, habs mir eingeredet, ich bin so stark was hab ich alles überlebt, ich kann ein Lied von singen, vergiß es...

Mitlerweile bin ich 2 Jahre abstinent und die Versuchung wird immer weniger, wenngleich ich mir derzeit fast täglich einen Lottoschein kaufen will und immernoch 50 Euro auf dem Konto habe...

JA, es macht mich Stolz das es immer noch auf dem Konto ist, aber zu welchem Preis ? Warum quäle mich TÄGLICH ?

Stolz darauf zu widerstehen ? Mir selbst beweisen das ich STARK bin ?

DANKE für Deinen Beitrag, jetzt wird mir wieder bewusst geworden, was ich für einen Bullshit denke, geh jetzt duschen, Flaschen wegbringen und kaufe dann die Mikrowelle die ich schon seit fast 3 Wochen kaufen will, meiner Frau und mir was GUTES tun...

Hier kannst du mal schauen ob du Hilfe findest, oder google mal "Sekis" - die sind sehr gut vernetzt bezüglich Selbsthilfegruppen

https://www.suchtberatung.digital/
Titel: Re: 15 Jahre!
Beitrag von: amTiefpunkt am 20.10.2025 15:53:27
Hallo Bodensee,

Willkommen hier im Forum, super, dass du geschrieben hast - und was für ein gelungenener erster Beitrag!

Ich denke du schätzt die Situation gut ein, es besteht Hoffnung, dass du lernst mit der Sucht zu leben.
Eine Therapie scheint offenbar nicht ans Ziel zu führen - bist du begleitend mal in eine Selbsthilfegruppe gegangen, auf lange Sicht bringt das aus meiner Sicht mehr Erfolg.
Aber ja, du bist nicht alleine - wenn du möchtest gehen wir diesen Weg mit dir!

aT
Titel: Re: 15 Jahre!
Beitrag von: Jacky1 am 20.10.2025 20:41:05
Hallo Bodensee92 und auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum,

du hast ganz gut aus deinen eigenen Erfahrungen sinniert, spürbar und nachvollziehbar auf jeden Fall für den jeweiligen Leser.
Ich mag dies auch, weil alleinig nur stumpfe Realitäten zu übermitteln verbirgt doch die ganzen Emotionen um die es ja auch letztendlich für uns geht.
 

Und wenn jemand von außen über Spielsucht redet,
spüre ich, wie groß diese unsichtbare Mauer ist.

Und wenn der Volksmund an den Stammtischen oder vor den Fernsehehern Spielsüchtige
"bewertet" .....und ich muss wohl kaum darüber berichten wie dies teilweise ausfällt.
Bleibt zum Einen, Unverständnis und Fingerzeigend fern ihres eigenen Lebensweges und zum Anderen,
in ihren Erklärungen genau jenes zu beschreiben ...was wir path. Spieler auch tun oder getan haben.

Du weißt über einiges Bescheid und wohl das meiste davon kennen wir Spieler hier ja eh,
weil auch dann selbst erfahren.
Dabei ist wunderbar es immer wieder einmal zu lesen, den Weg zu gehen der uns event. nicht von allem befreit....aber ganz sicher uns etwas wieder gibt was wir einst einfach ignorierten.
Uns selbst außerhalb dieser Sucht"  

Schön dass du nun da bist.

Liebe Grüße
             
Titel: Re: 15 Jahre!
Beitrag von: Fred am 21.10.2025 08:13:29
Fünfzehn Jahre Spielsucht.
Drei Therapien.
Unzählige Nächte, in denen ich mir geschworen habe: Nie wieder.
Und doch wieder gefallen bin.

Moin Bodensee92 ,

dein Beitrag klingt als hättest du aufgegeben.
Klar ist, dass du dieses mal etwas anders machen musst als bisher.
Deine bisherige Taktik ging nicht auf.
Ich vermute mal ins Blaue hinein einen mangelnden Ernst deinerseits bzw. Unterschätzen der Suchtkrankheit.
Gruß aus dem Norden