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Autor Thema: Medeas Tagebuch

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JJ

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Re: Medeas Tagebuch
#90: 15.10.2021 12:11:48
Liebe Medea,

nun bin ich durch durch dein Tagebuch. Die zweite Hälfte liest sich anders als die erste Hälfte. Ich habe das Gefühl, Dich als Person jetzt besser greifen/verstehen zu können. Ich denke, das liegt daran, dass Du Dich dort auf die Reise in dein Inneres eingelassen hast und uns (Leser) ein Stück weit hast teilhaben lassen. Ich lese unendlich gerne Deine Beiträge. Das ist die Art wie Du schreibst. Und am Ende der meisten Beiträge ein kleiner Wunsch an den Leser: Habt schöne 24 h.

Ich freue mich, wenn ich mehr von Dir lesen darf!!

Und was ich Dir auch sagen will: Wenn im November wieder die Trauer um Deinen Vater hochkommt, dann sei Dir einfach gewiss: Es ist die pure Liebe, die Du da spürst.  :-*

JJ
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Re: Medeas Tagebuch
#91: 15.10.2021 17:07:36
Hallo liebes Tagebuch,

dann nehme ich den sehr lieben Beitrag von JJ mal zum Anlass hier wieder zu berichten.
5 Wochen sind seit dem letzten Eintrag vergangen.
Bisher meine Schwierigsten glaube ich, vielleicht aber die Produktivsten auf meinem Weg.
Im Grunde hatte es sich schon etwas angekündigt, dass mir ein wenig die Lust/Kraft am emotionalen Auseinandersetzen ausging. Aber anstatt mir dann einfach die Zeit und Ruhe zu nehmen, habe ich mich mit sehr viel Arbeit betäubt, ähnlich wie beim Spielen löst das für mich im Grunde das Gleiche Problem, ich drücke Dinge damit weg, Arbeit steht dann an absolut erster Stelle und hat vor allem Vorrang egal, ob privat Leben oder auch Gesundheit.
Ich glaube es kam dazu, weil ich das Gefühl hatte ich stecke in eine Sackgasse: Ok ja, super spielfrei: check weniger Stressen lasse: Check Therapie weitermachen : check...
aber dennoch ist da immer noch eine innere Unruhe, die mich nicht loslässt. Hinzu kamen einige andere emotionale Momente, alles zusammen führte dann eben zu einem Rückschritt, zumindest habe ich es so empfunden.
Glück war, dass dann ein sehr schöner Urlaub folgte in dem ich gezwungen war nicht zu arbeiten.
Und da kamen dann irgendwie Dinge hoch, die mir gut taten. Besonders faszinierend für mich waren einige wenige Momente in denen ich es schaffte im Hier und Jetzt zu sein, voll und ganz. Wenige Minuten nur, aber für mich schon sensationell, weil ich sonst mit meinen Gedanken immer überall gleichzeitig sein muss...

Dennoch war ich auch enttäuscht von mir, dass ich mich wieder in alte Verhaltensweisen gestürzt habe....
Spielen kam mir übrigens in keinem Moment in den Sinn, das war keine Option.
Zurück aus dem Urlaub, hatte ich mir fest vorgenommen, nicht wieder so stumpf zu werden und mehr wieder im bewussten zu sein.
Ist mir ganz gut gelungen.
Dienstag hatte ich dann meine Therapiesitzung. Und offenbar habe ich zumindest meine Therapeutin sehr happy gemacht, weil ich ziemlich dolle zusammengebrochen bin, irgendwie kamen da ganz komische Dinge hoch und Sie wollte,, dass ich versuche diese zu erfühlen und nicht rational zu bewerten. Etwas was mir als Dauer Zerdenkerin ja unglaublich schwer fällt. Aber gut ich dachte was solls Du machst das ja um was zu ändern und ließ mich drauf ein.
War super schmerzlich, viele Kindheitssachen, Verlustängste, Alleinsseingefühle von damals kamen hoch und sind auch drei Tage danach alle noch da. Das wird mich wohl noch ne Weile Nachts wachhalten...
Jetzt fühle ich mich gerade als hätte ich Dienstag im Feuer gestanden und mein Körper ist von kleinen blutigen Wunden übersät.
Dennoch hat meine Therapeutin gesagt, das wäre eine ganz tolle Sache und Sie würde sich sehr für mich freuen, denn darauf können wir nun aufbauen und weitermachen. (offenbar hatte Sie nach einem Jahr schon fast die Hoffnung aufgeben bei mir tiefer zu kommen....( hui ich mag das nicht, wenn Sie dann sagt, ich müsste verstehe, dass ich nun mal stark disfunktional agiere, da komme ich mir immer so kaputt vor, beruhigend ist nur, dass Sie sagt, da würde in der heutigen Zeit sehr vielen so gehen.. bin also nicht die einzig Kaputte.)

Alles noch sehr konfus für mich.

Wie immer habe ich auch dazu ein passendes Lied gefunden.
In diesem Sinne war´s das erstmal liebes Tagebuch, danke fürs Zuhören und allen schöne 24 Stunden

besonderen Gruß an JJ ;)


Eure Medea


Jupiter Jones: Warten
hier der Link und der Anfang vom  Text
https://www.youtube.com/watch?v=Csy66mF5lSw

Um das hier zu versteh'n
Braucht es Hirne und Herzen
Von nie da gewesener Größe,
Braucht es Tränen und Schmerzen.
Ich müsst' es selber seh'n,
um das hier zu versteh'n.
Um das hier zu versteh'n,
braucht es Arme und Hände
Von nie da gewesener Stärke,
braucht es Fäuste, braucht es Wände.
Und dann nach Hause geh'n,
um das hier zu versteh'n.
Und was nützt uns uns're Weisheit in 'ner ausgemachten Scheißzeit?
Und was nützt uns die Erkenntnis, dass was Heimat war jetzt fremd ist?
Wenn wir trotzdem niemals lernen, was es heißt sich zu entfernen
ohne jemals ganz zu geh'n
Wenn's das gäbe, wär das schön.
Ich hab' den Verstand verloren.
Blinde Augen,
Taube Ohren,
Stumme Lieder,
Leere Bücher,
Pfeifen, Flaschen, Taschentücher
Und wir rennen um unser Leben
…….
Quelle: LyricFind
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Re: Medeas Tagebuch
#92: 18.11.2021 20:05:05
Hallo liebes Tagebuch,

schon wieder ist ein Monat rum, unfassbar.
Wenn ich in mich reinhöre, denke ich es geht mir gut. Aber ich bin auch derzeit ängstlicher als sonst. Am Wochenende war ich mit meiner besten Freundin ein paar Tage unterwegs, das tat sehr gut, dennoch hatte ich seit langer Zeit wieder in der Nacht eine Panikattacke, ohne dass ich sagen könnte warum, ergriff mich einfach Angst... kein schönes Gefühl.
Ich denke es arbeitet in mir. Daher werde ich jetzt mein ziemlich einzigartiges Erlebnis meiner letzten Therapiesitzung berichten ( sorry es wird länger)
Die Therapeutin setzt immer bei der letzten Sitzung an und fragte daher, wie es für mich war, mich als Kind zu sehen und vor allem zu spüren, wie ich schon schrieb war es für mich ja eher ein komisches Gefühl, was viel hoch geholt hat, von dem ich glaubte es wäre für mein heutiges Leben gar nicht mehr entscheidend... wie Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit meiner Mutter oder der Tod meines Vaters...#

Nun die Therapeutin fragte mich dann, ob ich, geführt, mich von damals wieder treffen wollte. Ich gebe zu ich hab gezögert aber dann dachte ich, wenn schon dann jetzt richtig.
Ich sollte dann einfach die Augen schließen und geschlossen halten und sollte mir einen Ort vorstellen, wo ich dieses Kind treffen will.
Und dann war ich schon mitten drin.... in einem großen Kinosaal ( oder Theater) vollkommen leer mit roten  Sesseln aus Samt und einem Geruch nach altem Leder und ich stand ganz oben in den Reihen und schaute nach Unten und da stand "ich" als kleines Mädchen mit einem hübschen Kleid und dunkelblauen Lackschuhen. Es war vollkommen klar alles, wie in einem Film.
Ich sollte dann zu dem kleinen Mädchen weiter runter gehen, das fiel mir schon nicht leicht, aber nach gefühlt mehreren Stopps kam ich unten an.
Das Kind stand einfach nur da und war ganz ruhig, es wirkte nicht ängstlich oder so. Ich sollte es dann ansprechen, was ich auch tat, ich fragte es, was es denn ganz alleine hier machte. Es/ich sagte ganz ruhig " ich warte, darauf dass jemand kommt" wie lange es da schon wartete wusste es nicht und ich fragte auch nicht auf wen es wartet ( auf mich nicht, das war mir irgendwie klar)
Die Therapeutin wollte dann, dass ich mit dem Kind weiter agiere, also wollte ich mit dem Kind den Saal verlassen, aber zunächst fragte ich es, ob es sich in den Klamotten wohlfühlte, denn ich hatte den Eindruck es war nicht so, und es sagte es würde gerne die Schuhe ausziehen. Also setzten wir uns auf den Boden und es zog die dunkelblauen Lackschuhe aus. Ich schaute es dabei an und merkte da zum ersten mal, dass mir selbst die ganze Zeit schon die Tränen runterliefen, ohne dass ich jetzt wirklich laut heulte, es waren einfach nur stumme Tränen. ....
Ich nahm das Kind dann wieder an der Hand und schaute nach einem Ausgang, der aber nicht zu sehen war.
Da sagte dann die Therapeutin schon die Zeit wäre um ( es waren somit schon über 20 Minuten im Saal vergangen)  und ich sollte mich aus der Situation wieder lösen. Und da hatte ich dann auch Panik. Es wäre mir unmöglich gewesen, das Kind in diesem Kino alleine zurück zu lassen, ich war nicht fähig die Augen zu öffnen.
Also sollte ich da Kind nehmen und wohin führen, wo ich es alleine lassen würde.
 Ich war dann sofort mit dem Kind in einem großen  Park, ich glaube es war NY und kaufte ihr an einem dieser Stände ein großes Eis. Dann setzte ich mich mit ihm auf eine Bank und erst da konnte ich dann da Kind zurück lassen und die Augen öffnen.
Mein ganzes T-Shirt war komplett nass von Tränen.
Ein absolut krasses Erlebnis.
Die Therapeutin sagte mir dann, dass ich leider ganz wenig Zugang zu dem ICH von damals habe und mir selbst wohl doch eher fremd bin, etwas was ich so nie annehmen würde....
Sie fragte dann, ob ich mir zutrauen würde bis zum nächsten mal mich nochmal alleine dem Mädchen zu näheren. Ich sagte sofort nein, denn wenn ich in diesem Kinosaal ohne die Stimme der Therapeutin gewesen wäre, ich wäre da nicht raus gekommen..
Das Gefühl, jetzt drei Wochen nach der Sitzung ist immer noch komisch, weil es so real für mich war.
Dem Kind bin ich nicht wieder begegnet, aber eben meiner Panik.  Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine mit dem anderen zu tun hat.
Hier im Forum schreiben ja viele darüber, dass die Spielsucht doch nur ein Symptom oder ein Verstecken vor etwas anderem im Leben ist.
Ich denke ich bin wohl auf dem Weg das rauszufinden.
Ich bin dennoch dankbar und froh, dass trotzt meiner momentan eher teilweise instabilen Psyche ein Rückfall in das Verstecken durch spielen nicht in Frage kommt. Und immer noch, wenn ich mich selbst reflektiere und mich als Spielerin sehe, bin ich froh, dass ich dahin nicht wieder gehen will.
Ich möchte mich dem stellen, was mir Angst macht, denn nur so weiß ich entkomme ich jeglichem Verstecken.
So ich hoffe liebes Tagebuch, du bist nicht eingeschlafen bei der langen Geschichte und ich werde wieder schreiben, hoffentlich mit weiteren Erkenntnissen.
Bis dahin wünsche ich allen Mitlesern die Kraft für wunderbare 24h .
Eure Medea


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Re: Medeas Tagebuch
#93: 19.11.2021 15:56:26
Liebe Medea,

ganz ehrfürchtig bin ich diesmal geworden beim Lesen Deines Beitrags. Das Bild vom kleinen Mädchen sehe ich ganz klar vor mir.... wie es da steht, ganz klein, still, im schönen Kleid.
Die Schuhe abzulegen ist für mich ein Bild für "Zwänge abstreifen" und sich Befreien aus einer ungemütlichen Lage. Die kleine Medea hat um Deine Hilfe gebeten. Das ist sehr wertvoll!!!
Du hast ihr geholfen.
Vielleicht findest Du ja nach und nach mehr darüber raus, wovon du sie befreit hast.
Vor der Einsamkeit in dem Kinosaal? Der Ausweglosigkeit?
Dass Du erstmal zögerst, wieder direkt in die Situation zu gehen, verstehe ich.
Aber ich denke, du wirst die Berührungsängste nach und nach verlieren. Mach es in Deinem Tempo. Es ist Dein Kind in Dir. Und Dein Leben. Du hast keine Eile.
Irgendwann willst Du vielleicht wieder hin.
Es ist auf jeden Fall ein riesiger Wert, dass Du den Weg jetzt kennst!!

Ich drück Dich.
JJ
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