Autor Thema: Kahb's Tagebuch  (Gelesen 111 mal)

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Offline kahb

Kahb's Tagebuch
« am: 22.02.2021 03:17:29 »
 Schweißgebadet in der Nacht aufgewacht, empfinde ich es als Anlass mein Tagebuch hier zu starten... allerdings wird das Spielen hier nicht primär mein Thema sein, wenn es auch trotzdem gerade darum gehen wird.. Klingt paradox aber ich versuche nun ein wenig auszuholen:

In meiner Therapie habe ich sehr viel über mich gelernt. Ich habe ein "Kernproblem" meines psychischen Wesens deklarieren können und dieses ist mein Vater.

Ich hatte nicht die schlimmste Kindheit auf Erden, und vielleicht war genau das der Grund wieso ich für mich selbst all die Jahre gar nicht sehen wollte dass doch so viel falsch gelaufen ist.

Mein Vater ist ein Narzisst, und zwar nicht gerade von der schwach ausgeprägten Sorge. Die Scheidung meiner Eltern mit 14, mein persönliches Feuerwerk des neuen Lebens gewesen. Endlich frei sein!

Doch Vater ist Vater und Sohn ist Sohn oder? Also haben wir uns weiter gesehen - an den Wochenenden. Aber als diese zwei wöchigen Besuche zur Belastungsprobe meiner Gefühlswelt wurden habe ich in einer der heftigeren Streitsituationen den Kontakt abgebrochen. Zwei Jahre kein Wort, kein Treffen, keine Nachricht.

Ging es damit besser? Irgendwie dann auch nicht.. . Betrunken fuhr ich eines nachts zu ihm nach Hause und brach weinend vor seiner Tür zusammen. Ich durfte auf der Couch meinen Rausch ausschlafen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie nach einem One Night Stand den man mit dem ersten Augenöffnen des Tages schon bereut.

Aber der Kontakt war wieder da und mit dem Umzug an meinem 150 km entfernten Ausbildungsort war die Distanz zwischen uns wieder erträglich für mich. Es fühlte sich wie eine Dosis Erzeuger an, die ich aushalten konnte...


Ich habe bereits in meinem ersten thread hier von meinem Rückfall nach 1, 5 Jahren Abstinenz erzählt... Dieser Tag war nicht nur die Geburt meines zweiten Kindes sondern auch die meines ersten Sohnes...

Diesen Fakt des Geschlechts hatte ich im Aufnahme Formular für die Therapie nicht angeben. In einem intensiven Einzelgespräch mit der damaligen Therapeutin fragte sie ob das zweite Kind von dem ich immer im neutrum sprach eine Tochter oder ein Sohn gewesen sei.

Ich weinte 15 Minuten. Auch wenn ich diese Zeilen schreibe landen Tränen auf meinem Display...

Im Laufe der Therapie rief ich meinen Vater und sagte ihm wo ich mich gerade befinde, sagte ich werde mich mit einem Brief melden und bat ihn im selbigen darum in die Klinik zu kommen damit wir bei einem Spaziergang reden können..

Den halben Wald hat er zusammen geschrien, da stand ich wieder da, der 5 jährige Kevin der sich anhören musste was er falsch gemacht hat, nur mit 25 Jahren mehr Geschichte im Gepäck und einem Vater, der mit 1,92m zwar nur noch 4 Zentimeter überragte, aber gefühlt immer noch so riesig vor mir stand...


Zeit ist seitdem wieder vergangen... Zeit in der ich mir gesagt habe ich hab meinen Frieden damit gemacht keine Einsicht mehr zu bekommen. Monate nach der Therapie kam es wieder zu Familientreffen und ich dachte mir irgendwie kann es so weitergehen.

Und nun sitze ich hier, mitten in der Nacht und schreibe diese Zeilen. Monate haben wir kaum gesprochen nach einem kalten Weihnachtsfest, mit viel versteckter Trauer hinter einer lachenden Maske.

Zum Glück war die Maske die Corona uns lieferte dann ein Grund Distanz zu halten... Doch gestern Abend kam die Nachricht die in mir ein Chaos auslöst :

"Wollen wir uns mal wieder treffen? "

Stunden später sitze ich nun hier, aufgewacht von einem Albtraum mit ihm. Seit Monaten habe ich nicht mehr schlecht geschlafen und eine Nachricht von ihm löst diesen Text aus... Ich spüre wie mein Herz langsam wieder ruhiger schlägt, zwei Zigaretten kalte Luft und diese Zeilen hat es dafür benötigt.

Jeder der bis hierhin mitgelesen hat dem danke ich von Herzen. Ich weiß nicht wie diese Beziehung weitergehen soll. Ich bin aufgewacht mit dem einen Gedanken : ich will ihn nicht sehen, ich will dieses Treffen nicht.

Wie anfangs gesagt, er ist Narzisst wie er im Psychologie Handbuch steht, und deshalb wird es mir nie erlauben dass ich als Sohn so fühle. Deshalb muss ich schweigen.

Ich bin grad etwas ratlos ob das alles noch gut tut. Ob ich nicht wieder der 16 jährige werden will der den Kontakt abbricht, dieses mal nur gereift. Oder bin ich gar erwachsen genug um es weiter auszuhalten...


Kommentare sind in diesem Tagebuch erwünscht. Danke dass ich mich hier mitteilen kann.
« Letzte Änderung: 22.02.2021 09:12:58 von kahb »
"Und warum fallen wir Bruce? Damit wir lernen können, uns wieder aufzurappeln."

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Offline Fred

Re: Kahb's Tagebuch
« Antwort #1 am: 22.02.2021 07:58:23 »
Ein normaler Umgang mit narzisstischen Eltern ist leider nicht möglich.
Du musst stets damit rechnen, manipuliert zu werden.
Deine Gefühle und Gedanken interessieren den Narzissten nicht.

Ein Kontaktabbruch ist daher meist die einzige Möglichkeit, sich aus dieser toxischen Eltern-Kind-Beziehung zu lösen und die erlittenen Traumata zu verarbeiten.

Bei mir war es zwar nicht so ausgeprägt, aber nach gut 15-20 Jahren reduziertem Kontakt haben wir heute ein recht gutes & freundschaftliches Verhältnis.
Der Kreis schließt sich erst wenn er vollendet ist !
 

Offline Jacky1

Re: Kahb's Tagebuch
« Antwort #2 am: 22.02.2021 09:07:28 »
Hallo Kevin,

Hut ab mein Freund, auf dem Wege Frieden zu finden sind emotionale Begegnungen gute Wegweiser.

Grüß Dich
 
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Offline Taro

Re: Kahb's Tagebuch
« Antwort #3 am: 22.02.2021 12:23:42 »
Moin Kevin,

mein Verhältnis zu meiner Mutter war äußerst schwierig,  um es freundlich auszudrücken.  Ein Therapeut sagte mal zu mir, der Kontaktabbruch ist fast immer der schlechteste Weg. Ich lernte andere Menschen kennen,  die mit ihren Eltern weit schlimmeres erlebt hatte als ich und trotzdem wieder Kontakt hatten. Ihnen sogar verziehen hatten. Auch ich hatte eine Reihe von "Diagnosen" für meine Mutter parat, bis ich mal bei einer Familenaufstellung an der ich teil nahm hörte, es stehe dem Kind nicht zu seine Eltern zu bewerten oder gar zu Diagnostizieren. Aus dem einfachen Grund, weil die Eltern sind wie Sie sind, ich komme hilfsbedürftig auf die Welt und sie helfen mir. Was auch immer ich dort als kleinerWurm erfahre  das ist Liebe für mich. Ein Teil des ungeliebten Elternteils ist auch in mir. Je stärker ich es ablehne  umso stärker fordert es seinen Platz.

Was also konnte ich tun. Ich erkannte  nicht das was meine Mutter sagte oder tat war so schlimm. Schlimm für mich war, das sie damit noch immer Macht über mich hatte. Ich musste lernen darauf  auch emotional angemessen zu reagieren. Ich tat also nicht das was ich immer tat (als ihr Kind), sondern ich reagierte "erwachsen" das war sofort spürbar für meine Mutter ein Schock. Seitdem habe ich mich mit Ihr ausgesöhnt  kann Die sogar in den Arm nehmen.

Das schreien im Wald ist nicht schlimm, hättest sagen sollen, Vater was ist los mit Dir, soll ich einen Arzt holen.....

Taro
 
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