Autor Thema: Ich bin verantwortlich  (Gelesen 1297 mal)

0 Mitglieder und 2 Gäste betrachten dieses Thema.

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #45 am: 10.04.2020 20:14:57 »
Verantwortung...

Die letzte Nacht war kurz.
Gestern Morgen stand ein Osterhase auf meinem Schreibtisch, neben dem, den mir unser Botenfahrer vorgestern geschenkt hatte. Von einer Kollegin. 'Danke'.
Noch einer? Wofür, fragte ich mich verwirrt. Ich denke ja nichtmal an Geburtstage... meinen eigenen inklusive. Es war mir unangenehm, weil ich sowas nie auf dem Zettel habe. Ich krieg sowas nie hin. Das ist wirklich nicht nötig. Nicht bei mir. Oh je...
Kurze Zeit später, als mein Chef nur kurz vorbeikam, dann aber letztlich für vier Stunden blieb, wurde mir klar, wie unglücklich meine Kollegen schon seit langem waren. Wie sehr die letzten Tage, die unsere Teamleitung nicht da war, eine Erholung für alle waren. Das geht so weit, daß man mir einen Osterhasen dafür schenkt, eine Woche lang mal nicht schikaniert worden zu sein.

Als er ging, hatten wir letztlich das, was ich schon länger befürchtet hatte.
Ich bin vorher schon ab und an von ihm gefragt worden "Kämen wir ohne sie klar?"
Das gab jedes Mal energisches Kopfschütteln meinerseits.
So nervig sie ist, ich kann damit umgehen, und ich mag da nicht sitzen. Auf dem Präsentierteller ist schlimmer. Dann lieber ihre anstrengende 'Präsenz'.
Doch nun ist der Fall eingetreten, auf den fünf der sieben Mitglieder unseres Teams anscheinend schon lange hofften. (Im Nachhinein betrachtet überrascht es mich nicht. Ich bin nicht der Einzige, den ihre unmögliche Art nervte. Wieso glaubte ich, es läge an meiner falschen Wahrnehmung, wenn es mir mißfällt, daß sie den ganzen Tag auf anderen rumhacken muß, um sich selbst besser zu fühlen?) Es ist nicht das erste Mal, daß ich aus einer Not heraus in einer chaotischen, unmöglichen Situation eine Position 'erbe', die ich niemals wollte - weil alle anderen es für die beste Lösung halten. Etwas, das ich nicht möchte, und dem ich auch nicht gewachsen bin.
Ich tue es, weil es gerade kein anderer machen kann - und am Ende wird aus der Notlösung Routine.
Damals... die umsatzstärkste Filiale der Region wurde von einem pathologischen Spieler geleitet, der nichts lieber wollte, als diesen 15cm langen Schlüssel für die Stahltür im nächsten Bach zu versenken, und einfach nur stupide Konservendosen in die Regale stellen, weil er schon nicht wußte, wohin mit der eigenen Bankkarte...
Mein Kollege wurde länger krank, ein anderer kündigte und kam nicht mehr.
Ich kann das, so sagte man. In der Urlaubszeit hatte ich es doch auch gemacht. Bestellungen, Papierkram... irgendwer mußte es ja tun. Kasse und Tagesabschluß... die Abrechnung stimmte immer, auf den Cent.
Natürlich tat sie das... ich weiß doch, was man 'sieht'... und was nicht!
Das kann also nicht wirklich euer Ernst sein!
Wer denkt sich sowas aus? Ich bin der Letzte, der sowas machen sollte. Sieht das denn keiner?
Schaut woanders hin.
Ich will nicht!

Ich habe mich schon öfter darüber geärgert, wie sie mit anderen umging. Daß das nicht an meiner verschrobenen Wahrnehmung und meinem persönlichen, fast schon krampfhaften, Bedürfnis nach Ruhe lag, sondern es jedem anderen auch so ging, kam mir nie in den Sinn.
Gestern kam mein Chef (er hat sein Büro woanders, wir sehen ihn normal nicht allzu oft), wir waren aufgrund der Corona-Maßnahmen nur zu dritt, sie war nicht da. Eigentlich ging es darum, daß die Firma Kurzarbeitergeld beantragt hat, unter anderem für unsere Abteilung. Das wurde schnell zur Nebensache. Erst platzte einer mit seinen Sorgen heraus, dann der nächste. Ihre hinterfotzige Art. 'Nach mir die Sintflut'. Ich sagte nichts.
Mein Chef war sichtlich schockiert über diese Berichte. Er wußte, sie war nicht ohne... aber das...
Dann ging es um Betrug bei der Stundenabrechnung. Eine Anspielung. Allgemein gehalten. Keine Namen. Alles wartete. Auf mich.
Was sollte ich tun? Die beiden erwarteten, nein, das ist das falsche Wort, sie hofften, ich würde etwas sagen. Keiner der beiden wollte das tun, wenn ich dem nicht zustimme. Es war meine Sache, ich hatte in der Vergangenheit schon darum gebeten, es nicht zu melden. Sonst wäre sie schon längst raus. Einfach war das damals nicht. Besonders meine eine Kollegin war sehr wütend deswegen. Sie verstand es nicht. Sie verstand nicht, warum ich das 'mit mir machen ließ'. Ich konnte sie nur mit Mühe davon abbringen, sich zu beschweren. Weia. Warum? Es geht doch nur um mich.
Aber wer bin ich, daß ich jemanden in die Pfanne haue?
Ich bin der Letzte, der das tun sollte. Es ist lange her... aber ich habe es ja nunmal selbst getan. Ich wurde nur nie erwischt... oder eben verpfiffen. Dagegen waren das hier Peanuts. Ich habe sowas später auch schon öfter mitbekommen - und die Klappe gehalten. Letztlich sind alle auch ohne mein Zutun aufgeflogen. Aber hier war es etwas komplizierter. Der Wunsch meiner Kollegen nach einer dauerhaft streßfreien Atmosphäre, ein für mich sehr gut nachvollziehbares Bedürfnis, hing davon ab, was ich nun sage.
Einundzwanzig, zweiundzwanzig... man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Stille.
Dann sagte er "Ich würde es gerne wissen... was da passiert ist. Denn letztlich geht es um mehr. Ich möchte nicht, daß jemand kündigt, weil er es nicht mehr aushält. Das Gefühl habe ich schon länger hier. Es geht auch darum, daß jemand, der so eine kriminelle Energie aufbringt, auch noch zu anderen Dingen fähig wäre. Sie hat sich das selbst zuzuschreiben. Da ist Loyalität fehl am Platz. Denn wer weiß? Das fällt dann auf alle zurück. Was auch immer Sie drei mir sagen, ich werde es nicht weitergeben. Ihr Vertrag läuft in zwei Monaten aus. Wir würden das ganz einfach nicht verlängern. Da braucht niemand Angst zu haben."
Oje. Nein. Falsch. Ich hatte keine Angst. Es geht immer irgendwie weiter. Aber wie kann man nur so dämlich sein... das muß doch auffallen. Sowas funktioniert doch nur, wenn die Rechnung am Ende trotzdem aufgeht! Innerlich ärgerte ich mich über sie, daß sie mich mit ihrem stümperhaften Mist in diese Lage gebracht hatte. Wenn schon bescheißen, dann bitte richtig, aber sie hielt alle für dumm, und sich für besonders clever. Das sagte sie auch dauernd. Jetzt stand ich mit dem Rücken zur Wand. Ich will das nicht. Ich will einfach nur meine Ruhe.
Na danke.
Mir war schlecht. Ich wollte weglaufen. Ganz weit weg.

Ich mag die beiden Kollegen, sie wollten eigentlich etwas ganz Normales, was ich gut nachvollziehen kann - ein ruhiges Arbeitsklima. Einfach nur wieder zur Arbeit kommen, ohne schikaniert zu werden. Er wollte einen Grund für den Betriebsrat. Win-Win. Für jeden. Außer für mich (und sie natürlich). Wo ist das Problem? Alles, was ich tun mußte, war, zu bestätigen, was eh schon jeder wußte. Zwei Buchstaben. Vergiß es. Das kann ich nicht. Und sie wissen das. Sie wissen nicht, warum, aber sie wissen, daß da von mir wohl nichts kommen wird... und sie respektieren meinen Wunsch nach Diskretion. Also entweder ich oder niemand. Sonst: Chance vertan. In zwei Monaten wäre sie unbefristet. Dann geht das nicht mehr so einfach. Ich komme damit zurecht, ich habe da ein dickes Fell. Andere haben das nicht. Bei ihrer letzten Tirade vor zwei Wochen hat jemand sogar geweint. Was sagte er? Sie hat sich das selbst zuzuschreiben, ich habe ja nichts getan. Ja, das hat sie. Genau wie ich. Aber hier sind Dritte im Spiel. Nicht nur eine Firma, sondern Menschen. Eine davon hat mir schon öfter geholfen, weil sie instinktiv wußte, daß ich es nicht selbst konnte. Nicht auf die aufdringliche Art, wie es andere tun, sondern nebenbei und ohne großes Tara. Hier. Guck mal. Punkt. Ich kann ihr auch helfen. Es ist eigentlich ganz leicht... aber das würde auch heißen, daß ich jemanden reinreiten müßte. Nein. Ich will nicht.
Und die anderen?
Meine Gedanken rasten... und kaum hörbar, durch zusammengebissene Zähne, sagte ich "Ja."
Ungläubiges Kopfschütteln bei meinem Chef. Aufatmen neben mir.
"Sehen Sie. Keiner weiß, warum TAL sie immer gedeckt hat, aber so war es. Ich wäre stinksauer gewesen. Wie kann man da nicht stinksauer sein?"
"Verstehe ich auch nicht. Wie lange ist das her?"
"Ein halbes Jahr? Kam seitdem auch nicht mehr vor. Seit mal jemand eine Anspielung machte. Wirklich. Es ist nie wieder passiert."
"Sie brauchen das nicht verteidigen. Wirklich nicht. Sie haben nichts getan, das war sie selbst."

Jetzt war die Frage nicht mehr, ob, sondern wie es ohne sie geht, denn in Zeiten wie diesen wird kaum jemand Neues eingestellt.
Nun ja. Das war klar. Für alle Anderen war die Lösung sichtbar einfach. Verhaltene Freude. Jeder mag mich, ist immer ruhig und entspannt mit mir. Ich kann's ja machen. Tu ich ja bisher auch, wenn sie nicht da ist.

Stimmt. Und ich hasse es. So sehr sie mich auch nervte... solange sie da war, mußte ich dort nicht sitzen. Ihr ganzes Gehabe ist sinnlos, es war schon immer nicht nur dumm, sondern komplett unnötig, denn niemand will ihr den Job streitig machen.

Ich habe sogar tatsächlich gesagt, daß ich es nicht machen möchte. Aber ich kann es euch zeigen, wenn ihr wollt. Darauf erzählte meine Kollegin, wie es normal dort läuft. Mir hat das nie jemand gezeigt, denn jemand, der Unverzichtbar sein will, gibt nichts weiter. So hat man auch immer 'Dumme', auf die man die Schuld schieben kann, wenn man wieder da ist. "Seht ihr, ihr braucht mich."
Ich wollte nach Hause. So war das doch gar nicht.
Oder doch?

Mein Chef saß daneben. Fassungslos. Während die beiden ihm erzählten, wie jeder von uns hintenrum in den Arsch getreten wird. Der Knoten war geplatzt. Der aufgestaute Frust von zwei Jahren entlud sich bei ihnen. Oh, das war unangenehm. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. "Sie scheißt dich vor Publikum zusammen, etwas nicht erledigt zu haben, was ihr Job gewesen wäre... und du hattest zu der Zeit Urlaub. Zehn Minuten später sagt sie dir allen Ernstes, du mögest ihr doch zeigen, wie das überhaupt geht."
"Naja..."
"Nichts naja. Sie wird dafür bezahlt. Sie kann aber nicht Bitte sagen. Oder Danke. Oder sorry, hab ich vergessen. Oder Ich kann das nicht. Nur "Jetzt" und "Sofort". Sie macht keine Fehler, dazu ist sie viel zu sehr von sich überzeugt. Und das Schlimmste wäre, wenn andere das mitbekämen. Sie ist doch so tough, entspannt und selbstsicher... haha. Es ist so lächerlich... Sie kann nichtmal ihren eigenen PC anschalten... und sie merkt das nichtmal."
"Ja, es ist nicht leicht, sie ernstzunehmen. Aber..."
"Kein Aber. Hör auf, sie zu verteidigen. Du mußt das nicht machen."

Keiner war glücklich über diese Wendung. Erstaunlicherweise hatten auch die anderen ein schlechtes Gewissen dabei, nicht nur ich.
Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Eine Menge Dinge kamen nichtmal zur Sprache. Dies war kein 'Mist abladen.', sondern zwei Personen, die einfach nur ihre Ruhe wollten. Es fiel ihnen nicht leicht... und das Gesagte reichte aus. Mehr brauchte es nicht.

Warum hat nie jemand was gesagt, fragte er. Ganz besonders in meine Richtung. Das sei unglaublich. Er verstehe es nicht. Welche Motivation hätte man, das mit sich machen zu lassen?
Ja. Warum?
Weil ich nicht in der Position bin, über andere zu urteilen.
Weil ich einfach nur in Ruhe vor mich hinarbeiten will.
Weil ich die Verantwortung nicht möchte.
Und weil man auch besser daran täte, sie mir nicht zu überlassen.
Weil ich nicht Nein sagen kann.
Und weil ich anderen nicht sagen mag, was sie tun sollen.
Weil es mir egal ist, was andere machen, solange ich meine Ruhe habe.
Und weil ich es nichtmal verdiene, überhaupt hier zu sein.
Weil ich schlimmer bin als sie, und dieser Zuspruch absolut fehl am Platz ist!
Macht.
Das.
Nicht!

Ich freue mich nicht darauf, wenn Ostern vorbei ist. Die Wochen danach werden unerträglich für meine Kollegen. Es wird erst schlimmer werden, bevor es besser wird. Es gibt nichts Schlimmeres, als offen am Ego und der Unersetzbarkeit unserer Teamchefin zu zweifeln.

Ich habe mir mit der Ehrlichkeit selbst in den Fuß geschossen, jemand anders hat seinen Job verloren, und ich dafür Verantwortung bekommen, die ich nicht will.
Ich tat es nicht meinetwegen, denn mir war die Konsequenz daraus (für mich, und besonders auch für sie) vorher bewußt.
Das war nicht richtig. Ich hätte die Klappe halten sollen. Gewundert hätte es keinen.

Tja... in diesen Zeiten zu kündigen ist auch keine Option, auch wenn es sehr verlockend ist. Warum können mich nicht einfach alle in Ruhe lassen?
Hat jemand was Passendes für mich? Wie Pakete packen oder Eis verkaufen? Das kann ich wenigstens.
Und die Chancen, jemandem zu schaden, wären deutlich geringer.

Sorry für den langen Text, daß ich das hier ablade, aber ich mußte das grad mal irgendwie ordnen, sonst geht es das ganze Wochenende weiter da oben. Das wird es wohl eh, aber naja.
Vielleicht sollte ich meiner besseren Hälfte davon erzählen, aber dann kommt nur "Du bist zu gutmütig, denkst zuviel an andere. Sie interessiert sich eh nur für sich. Wenn sie so toll ist, wird sie schon was finden. Seid doch froh, sie loszusein, diese hinterhältige Kuh. Und dann kannst du auch mehr Geld bekommen."
Also im Prinzip das, was meine Kollegin auch sagt. Steckt euch das Geld an den Hut! Irgendwie ist mein Problem damit schwer zu vermitteln.
Ich versuch's gar nicht erst.

Wünsche euch frohe Ostern. :)
 

Offline Taro

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #46 am: 10.04.2020 23:43:09 »
Moin TAL,

ich bin in solchen oder ähnlichen Situationen auch heute noch immer wieder in der Situation wie Du jetzt warst. Ich weiß aber, daß jedes Verzögern oder Decken falsch ist. Das beenden der Situation ist egal wie hoch auch immer der Preis ist besser als das Ertragen. Das Erträgen ist letztlich ja auch etwas, was mich immer wieder zum spielen führte.

Ich wünsche Dir ein frohes Fest!

Taro
 

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #47 am: 11.04.2020 21:43:31 »
Hallo Taro,

Ja, stimmt wohl... Ertragen... das konnte ich schon immer gut. Klar, ich hab mich auch exzessiv selbst bemitleidet, aber ich habe auch nie was dagegen unternommen. Ich glaubte fest daran, daß es nunmal so 'gehört'. Ich habe mir das selbst zuzuschreiben... irgendwie. Wer bin ich schon?
Das bekannte Übel war (und ist) immernoch besser als das Unbekannte.
Dies war nicht anders. Es geht seit zwei Jahren so...
Mir war nicht klar, wie sehr sie darunter litten.
Und mir war auch nicht klar, wie ahnungslos mein Chef tatsächlich war.
Ich dachte mir so manches Mal... übersehe ich da was? Warum trifft er diese oder diese Entscheidung... in Anbetracht der Umstände.
Ja, weil er es gar nicht wußte...

Die nächste Zeit wird nicht einfach werden... für alle. Sobald sie das weiß, beginnt der Shitstorm. So sieht es nunmal so aus, als hätten wir sie abgesägt... und genauso wird sie es im ganzen Haus verkaufen. Nicht sie hat Mist gebaut, sondern wir (oder mein Chef... irgendwer eben) wollten sie loswerden, weil sie einfach zu gut war (kein Witz, so denkt sie). Der Nachfolger wird es schwer haben.
Aber gut, da muß ich nun durch. Es gibt schlimmeres als ein 40jähriges Kleinkind mit einem zwanghaften Drang zur Selbstdarstellung und einer extrem fehlgeleiteten Wahrnehmung der eigenen Bedeutung für den Fortbestand der Welt.
Mein Mitleid für sie hält sich tatsächlich in Grenzen. Trotzdem möchte ich nicht, daß sie geht.
Wie man es auch dreht, was für eine unangenehme Person sie auch ist... mein Handeln war trotzdem heuchlerisch.
Hätte einer meiner Kollegen das getan, wäre es was Anderes gewesen. Aber mir stand es nicht zu.

Und nun ich? Sehr witzig! Eine unmöglichere Wende konnte das Ganze kaum nehmen. Es gibt wohl sowas wie Karma. Das hab ich damit wohl verdient.
Wie gesagt... ein Aushängeschild sieht anders aus.
Ich kenne meine Grenzen. Ich weiß, daß ich da vollkommen deplaziert bin. Ich bevorzuge es aber, mir das nicht auch noch jeden Tag vor Augen führen zu lassen.
Wie war das noch gleich? Mein Handeln hat Konsequenzen... Ja... so auch hier!

Schönen Abend. :)

Au Mann, es gibt eigentlich Wichtigeres... sorry für den ganzen Müll.
Ich hoffe, es geht euch allen gut.
 

Offline Taro

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #48 am: 14.04.2020 23:42:28 »
Moin Tal,

gibt es wichtigeres?
Das sind genau die Situationen, in denen ich lernen musste trotz der Emotionen zunächst Klarheit zu bekommen was das richtige ist und dann auch das richtige zu tun. Das unterlassen führt mich wieder näher an die Sucht.
Genau so eine Situation ist, wann immer ich da drin stecke ist doch das wichtigste überhaupt.

Die Meetings finden zur Zeit online statt, Skype, ok, aber altbacken und nicht sic oder her, zoom super aber AU h nicht sicher, Jitsy sicher aber nicht stabil. Alles bei Ga immer wieder von mir angesprochen. In der Reihenfolge von mir erst begonnen dann zweimal gewechselt und wieder die Rolle rückwärts, viele sind genervt. Ich probiere aus, mache Erfahrung und ziehe Schlüsse. Dem gegenüber steht das berechtigte Interesse vieler eine verlässliche Lösung haben zu wollen. Die garantierte Anonymität ist ein hohes Gut bei Ga. Wieviel Bugs muss ich dafür in Kauf nehmen.
Sicher es gibt wichtigeres, und auch wieder nicht. Diese von Dir beschriebene Situation kann für mich nur im direkten Austasch der SHG "begriffen"  und "erfühlt" werden. Es ist einigen Einsatz Wert, wie ich finde.

Spielfreiheit kann ich eben nicht durch "sperren" oder "Geld verwalten lassen" erreichen. Auch ein cb führt nicht zur Spielfreiheit, eher wird ein echter Osterhase gesichtet. Also muss ich an die Emotionen. Dafür braucht es auch bei Kontakt erbost eine Plattform. Das Videobild ist da schon eine Stufe besser als nur das Telefonmeeting. Das Telefonmeeting ist bei garantierter Anonymität möglich.

Diese kleinen Themen, Deines wie meines ist das wichtigste auf der Welt, für Dich wie für mich.

Taro
 

Offline Jacky1

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #49 am: 16.04.2020 23:40:07 »
Hallo Taro,

wirklich nur um etwas produktives, nicht als Unnötig deklariert zu wissen.   :)

Spielfreiheit kann ich eben nicht durch "sperren" oder "Geld verwalten lassen" erreichen. Auch ein cb führt nicht zur Spielfreiheit, eher wird ein echter Osterhase gesichtet.

Nirgends wird dies auch behauptet.
Und wer sein Konto immer überzieht und überzieht, nichts mehr zurück bezahlt weil alles verspielt wird.
Hat eh kein Geld mehr zum verwalten und um dass Sperren seines Kontos kümmern sich ganz sicher andere.
Der Vergleich zu einen Brauchtum, welches Kinderaugen glänzen lässt steht in nichts nach.
Was der Spieler versucht, im Buch des Ra zu finden.

Grüß Dich 


   
 
 




 

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #50 am: 18.04.2020 12:06:41 »
Mein ganzes Leben bestand aus 'Unterlassen'. Ich habe mir sehr viel damit verbaut, und dennoch nichts daraus gelernt. "Du kannst das nicht.", "Du darfst das nicht.", "Du solltest das nicht machen.". Daran hat sich leider nicht viel geändert.
Manchmal ist 'Vorsicht' bei mir durchaus angebracht, manchmal hemmt sie aber auch.
Bin ich mir nicht sicher, versuche ich es gar nicht erst. Zumindest nicht, solange jemand hinsieht.

Eigentlich bin ich nach wie vor vollkommen ambitionslos... das geht soweit, daß es andere manchmal schon nervt, gerade zu Hause. Ich bin mir egal. Ich habe aber manchmal sowas wie einen Drang nach Perfektion, oder besser gesagt danach, unter keinen Umständen jemandem zu schaden. Doch ich kann es nicht immer allen rechtmachen, selbst wenn ich etwas für mich nicht für schlimm erachte - manchmal geht es eben auch um andere mit mir. Das läßt sich nicht immer vermeiden. Dann ist die Frage eben: Wer hat recht?
Normalerweise sitze ich sowas aus, bis es sich auf die ein oder andere Art von selbst erledigt. Das kann Jahre dauern, aber es ist besser, als einschlägige Entscheidungen treffen zu müssen.
Daß meine Entscheidungen Konsequenzen für mich selbst haben, ist gut und richtig. Ich brauche oft länger als andere, mich bei etwas normalerweise ganz Banalem zu einer Entscheidung durchzuringen, oder mich zu überwinden, aber das soll mir auch niemand abnehmen, denn es ist ein Lernprozeß für mich selbst.
Es ist nur nicht einfach, wenn ich abwägen muß, was mein Handeln für andere für Auswirkungen haben könnte. Sowas mag ich nicht.
Besonders, weil, wie du sagst, die Frage nach Richtig oder Falsch für mich auf den ersten Blick nicht immer so ganz einfach zu beantworten ist.
Fall ich damit auf die Nase, ist es eben so, mache ich's beim nächsten Mal eben anders (oder auch nicht -.-). Nur sollten andere meinetwegen nicht hinfallen.

Ich weiß, wie anstrengend Selbstinszenierung ist, und daß man sich darin verliert. Ich kenne das von mir, wenngleich es mir immer um das genaue Gegenteil ging - eben nicht aufzufallen und unwichtig zu sein. Es ist schlimm, wenn man glaubt, nicht man selbst sein zu können oder dürfen, und dann irgendwann so in der Rolle festhängt, daß man sie selbst glaubt. Trotzdem tut sie mir nicht leid, auch wenn es vielleicht so sein sollte. Bei mir war es damit vorbei, als sie bei einer Abschiedsfeier im Büro einem trockenen Alkoholiker lächelnd ein Glas Sekt hinstellte, nur, um hinterher, nachdem er rausgegangen war, von oben herab in ihrem allwissenden Ton in den Raum sagen zu können "Warum sagt er nicht die Wahrheit? Glaubt er ernsthaft, ich wüßte es nicht?" (Er hatte abgelehnt, mit der Begründung, er würde Medikamente nehmen). Was für eine Schlange. Sie wußte es, weil sie irgendwann mal seinen Schreibtisch durchwühlt hatte.

Diesen Papierstau in den Griff zu bekommen, das wäre schonmal was. Nicht gleich aus jeder außerplanmäßigen Situation einen Staatsakt zu machen... der dann gleich das gesamte System lahmlegt.
Ja, ein CB bringt keinen weiter. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, daß ich diese Möglichkeit damals auch ausgeschöpft hätte... natürlich nur, um den Schaden unbemerkt eindämmen zu können, und dann neu anzufangen, als wäre nie was gewesen. Ganz sicher. Versprochen. Es wäre trotzdem weg gewesen, denn bei mir ging erst nichts mehr, als wirklich nichts mehr ging. Das ist es ja. Ich wollte nie an die Emotionen. Das habe ich so lange aufgeschoben, wie ich konnte... und noch weiter darüber hinaus. Ich muß mich doch einfach nur zusammenreißen... Auch heute noch wäre es mir lieber, es wäre nicht so, ich könnte das irgendwie ausklammern. Sehr unangenehm, wenn jemand direkt fragt. Natürlich sind es die richtigen Fragen, das, was wirklich zählt, das, was ich mich selbst fragen sollte. Aber ich möchte eben nicht hinsehen (müssen). Da reagiere ich dann schonmal ausweichend - oder gar nicht. Was mir dann leidtut, weil sich ja jemand die Mühe macht, zu fragen (Im Prinzip kann es demjenigen doch egal sein, wie's mir geht - ist es aber anscheinend nicht, warum auch immer). Aber ich kann's einfach nicht. Schon bei schriftlicher Kommunikation merke ich, daß mir das doch näher geht, als mir lieb wäre. Tja... von wegen Gelassenheit...
Aber he... bei mir ist doch alles in Ordnung. Es gibt kein Problem (mehr). Ich habe des Geldes wegen gespielt... warum denn sonst?
Und das mache ich ja nicht mehr - also ist doch alles gut.

Manchmal glaube ich, ich denke zuviel nach. Mit mir selbst allein zu sein ist in mancher Hinsicht nicht so wirklich das Gelbe vom Ei, auch wenn ich es Gesellschaft vorziehe - zumindest, wenn es 'da oben' grad mal ruhig ist. Eigentlich sollte man ja meinen, ich wäre eher impulsiv... daß es bei der Impulskontrolle durchaus mal hapert, habe ich ja zur Genüge bewiesen. Trotzdem bin ich normal eher jemand, der sich über jeden Mist Gedanken macht - bis zum Erbrechen. Normal ist das auch nicht. Kein normaler Mensch würde sich fragen, ob das, was er denkt und tut, der Norm entspricht.
Und dann gibt es noch so Sachen wie... ich denke den ganzen Vormittag nach, was ich in welcher Reihenfolge erledige. Dann komme ich nach Hause, und arbeite das ab. Effizienz. Da ist sogar eingeplant, wie lange die Waschmaschine läuft.
Momentan macht mir da jemand im Home-Office manchmal ungewollt einen Strich durch die Rechnung. Das bringt mich aus dem Konzept... unnötigerweise. Ich bin in Kurzarbeit... ich habe mehr als genug Zeit. Trotzdem streßt mich das innerlich, wenn meine Planung über den Haufen geworfen wird. Ich hatte mir das doch vorgenommen...
Für die kleinen Dinge, die nur mich betreffen, habe ich immer einen Plan - für die großen hingegen nicht. Da sind meine Prioritäten etwas verzerrt.
Was ist wichtig, und was nicht? Was mache ich gleich, und was schiebe ich auf die lange Bank?

Ob nun im Buch des Ra, oder in meinem eigenen stillen Oberstübchen - Antworten suche ich dort vergebens. Versuchen kann ich es aber trotzdem immer wieder. Die Hände zu heben und zu sagen "Ich weiß nicht, was ich tun soll."... ist nicht so einfach.
Es könnte ja jemand fragen "Äh... was ist das Problem?"
Denn auch darauf habe ich keine Antwort.

Ich betreibe für mich exzessives Mikromanagement... trotzdem kriege ich die einfachsten Dinge nicht hin. Banale Entscheidungen, bei denen andere spontan aus dem Bauch heraus handeln, ohne groß drüber nachzudenken. Ich frage mich dann ewig, wie ich es allen rechtmachen kann. Was ist der Weg des geringsten Widerstands?
Jemand wie ich sollte also besser keine schwerwiegenden Entscheidungen treffen, sondern erstmal bei sich selbst anfangen.
Das ist aber die schwerste Entscheidung von allen.

Ich wünsche ein schönes sonniges Wochenende. :)
 

Offline Fred

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #51 am: 18.04.2020 12:37:36 »
Liebes "TAL",

ich habe jeden deiner Beiträge bis zum Ende gelesen. Einige sogar mehrfach.
Ich will sie verstehen aber es gelingt mir nicht.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein kleines, vielleicht fünf- bis sechsjähriges Mädchen was einfach darauf wartet
dass Mama oder Papa sagt: "Du darfst so sein wie du bist" .. "es ist ok". Dann hüpf es wieder "weg" und spielt weiter.

TAL, du darfst unvollkommen sein.

Ganz im Gegenteil.
Perfekte Menschen machen uns Angst.


Der Kreis schließt sich erst wenn er vollendet ist !
 

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #52 am: 19.04.2020 10:13:02 »
Hallo Fred,

Gute Frage.
Ja, daß ich keinen Sinn mache, weiß ich selbst.
Aber was will ich überhaupt?
Vielleicht wirklich nur, daß mir jemand sagt "Es ist alles in Ordnung."...?
Ja, stimmt, das ist schon etwas kindisch.

Sorry.
 

Offline Jacky1

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #53 am: 19.04.2020 23:17:51 »
Aber was will ich überhaupt?
Vielleicht wirklich nur, daß mir jemand sagt "Es ist alles in Ordnung."...?

An diesem Ort wirst Du so viel Akzeptanz erfahren wie Du möchtest.
Sie steigt und fällt nicht parallel mit Deinen Ausführungen, sondern mit dem einzelnen Empfinden des Lesers.
Die Gabe sich unter einen Wasserfall zu stellen ohne nass zu werden beherrscht Du schon ganz gut.
Es ist schon längst zu erkennen dass Du dich abgefunden hast mit Dir, es ist nun einmal so wie es ist...usw...
Dein eigenes Universum und wenn Du Wünsche und Ziele einfach unterdrückst, Deinen eigenen Schatten so wenig würdigst.
Ist mein Empfinden dabei, mit Verlaub....eine Pflanze die droht auszutrocknen unter jenem Wasserfall.

Dies ist jetzt kein ausgestelltes Zeugnis  :)
Doch wenn ich von einem Menschen lese und irgendwo meine Interesse daran geweckt wurde.
Schreibe ich was ich möchte aber nur! Soweit dass dieser eine "aussenstehende" Meinung erhält.
Und wäre ich nun in meinen kühnsten Träumen als Julius Cäsar, würde mein Daumen nicht nach oben und nicht nach unten zeigen..... 
was Dein Schicksal betrifft.
Sondern zur Seite.   
So wie Du es doch gerne magst.  :)

Aber in meiner reellen Welt bin ich eher Pontius Pilatus, der gemeine Stadthalter.
Symbolisches Händewaschen...wie auch in diesem Beitrag.
Also zähle nicht all zu viel darauf.

Grüß Dich             
       
   
 

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #54 am: 21.04.2020 15:11:03 »
Viele wegen führen nach Rom.  
Aber die Heimatstadt zu verlassen, nur um dann kurz hinter den Toren in einem Gasthaus zu verweilen, nun ja.
Der Weg zurück wäre angenehm kurz. Eines Tages, wenn Gras über die Sache gewachsen ist...
Rom hingegen ist ewig weit weg, ich habe keine Landkarte und mag nicht nach dem Weg fragen... außerdem kenne ich mich da ja überhaupt nicht aus.
Und im schummrigen Halbdunkel ist es doch auch ganz gemütlich...
Zumindest deutlich besser als vorher.
       
Ja, Fred, es stimmt schon. Ich sage nicht viel, zumindest nicht in anderen Themen. Ich bin eben kein guter Ratgeber, Händchenhalter oder Motivator. Kein 'gutes Beispiel' und kein "Seht her, man kann es schaffen."
Ich kann schlecht jemandem sagen "Sag es deiner Frau."
Oder "Such dir Hilfe."
Ich kann auch keinem Angehörigen erzählen, wie man am besten damit umgeht.

Was auch immer ich demnach sagen würde, also zu anderen, es wäre heuchlerisch, meine außenstehende Meinung also nicht viel wert.

Ich lasse es also lieber ganz, meistens jedenfalls. Ich sollte, noch mehr als andere, immer darauf achten 'bei mir zu bleiben'. Manchmal kommt es dennoch vor, daß ich mich dazu hinreißen lasse, etwas zu kommentieren, was mich irgendwie berührt. Ich versuche es dann, so neutral wie möglich zu halten. Ein Drahtseilakt. Denn Lebensweisheiten zu erteilen wäre ziemlich anmaßend von mir.

Von daher hat es einen Grund, weshalb ich meist bei meinen eigenen Hirngespinsten bleibe. Bei wirklich wichtigen Themen wäre ich keine große Hilfe.
Mein eigener Schutthaufen ist groß genug... und ich pflege, ihn zu ignorieren. Was soll da also groß Produktives bei rumkommen?
Das war eine rhetorische Frage, die Antwort kenne ich selbst.
Aber eben deshalb beschränkt sich meine 'Kommunikation' meist auf wirre Monologe.

Danke für die Antwort, Jacky. Du hast das richtig erkannt... ich weiß das selbst... und auch, was es für Folgen hat.
Auch ob etwas für mich 'in Ordnung' ist, kann ich nur selbst beurteilen... und es ändern, wenn es nicht so ist.
Doch selbst meine eigenen Unsicherheiten können irgendwie etwas Tröstlich-Vertrautes sein.



Eins will ich jedenfalls auf keinen Fall: Jemandem auf den Schlips treten oder nerven. Ganz sicher nicht.

 

Offline Taro

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #55 am: 21.04.2020 23:35:09 »
Moinmoin,

nerven tust Du sicher niemanden TAL. Deine Beiträge sind besonders Wertvoll. Deine Möglichkeit Dinge zu sehen wie Sie sind und es in Worte zu fassen sind einfach nur wunderbar. In Deinem letzten Beitrag z.B. schreibst Du nur von Dir, und doch hat er eine Allgemeingültigkeit. Die meisten trauen sich nur noch nicht einmal auch nur in diese Richtung zu gucken.

Das gleiche gilt auch für viele andere Details die Du schon mit uns geteilt hast. Auf solche Erkenntnisse ganz alleine zu kommen ist für mich schon unglaublich, das dann auch noch so toll in Worte fassen zu können ist für uns alle ein Glücksfall.

Um bei dem Wasserfall Beispiel zu bleiben, Du bist wie eine Pflanze hinter dem Wasserfall. Du bekommst ab zu zu mal einen Wasserspritzer ab, der genügt Dir, die Sonne scheint auch ein paar Stunden an der Seite vorbei. Du könntest Deine Blüten seitlich an dem Wasserfall vorbei der Sonne entgegen strecken, Dir genügt aber Dein geschützter Platz hinter dem Wasserfall.

Es werden kräftig Tipps und Ratschläge gegeben, wie es geht spielfrei zu werden, letztlich ist das aber alles "nicht viel Wert" wie Du sagtest. Weil genau das was in diesen Ratschlägen benannt wird, hat überhaupt nichts mit der Sucht zu tun. Die Wurzel der Sucht liegt genau in den Dingen die Du mit uns teilst. Genau darum werden Deine Beiträge ja auch gerne und viel, und sicher auch nicht ohne Grund mehrfach gelesen.

Schön das Du da bist.

Taro
 

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #56 am: 08.05.2020 00:04:56 »
Danke Taro, ich habe deinen Beitrag erst heute gesehen. Ich bin noch da, die letzten Tage aber eher still. Auszeiten sind grad ziemlich rar, das gilt im Moment aber wohl für die meisten Leute.

Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf, auf der Arbeit wurde ich ohne meine Zustimmung quasi über meinen Kopf hinweg 'befördert', trotzdem bin ich im "Was-Soll's-Modus". Viel tun kann ich sowieso nicht. Es reduziert den selbstgenerierten Streß, hat aber andere Nebenwirkungen.
Es ist sicher auch so schon nicht einfach mit mir, gerade jetzt. Manchmal muß man Kompromisse eingehen, weil es dann eben auch für andere nicht ideal ist. Gestern habe ich etwas über 'Gesunden Egoismus' gelesen (Keine Ahnung, wie ich dort landete, mir war wohl etwas langweilig auf der Arbeit, und ein Gespräch meiner Kollegen über Sinn und Unsinn von Gesichtsmasken in Friseursalons erschien mir wenig ansprechend). 
Es klang als Überschrift auch erstmal ziemlich widersprüchlich. Öhm... was...? Der Verfasser hatte aber definitiv recht... ja, schon... nur ist das manchmal schwierig. Klar, ich habe meine Grenzen, die sollte ich selbst auch einhalten, andere haben die aber auch, und oft läuft das eben konträr. Auch wenn man sich dann in der Mitte trifft, liegt es trotzdem manchmal für alle Beteiligten nach wie vor leicht im 'roten Bereich'... und es wäre dann 'ungesund egoistisch', auf Grün für mich selbst zu bestehen, wenn's für den anderen damit dann Dunkelrot wird.
Gesunder Egoismus... mhh? Ist wohl mehr ein Gedankenexperiment, als daß es wirklich umsetzbar wäre. Alltagstauglich erscheint es mir jedenfalls nicht so wirklich.

Ich und Erkenntnisse...? Naja... das ist halt so eine Sache. Es dauert für mich ewig, etwas zu sehen... und dann muß ich es es auch noch auf mich zuschneiden und umsetzen...
Bei einigen Dingen geht das, wenn auch meist nur über 'Versuch und Irrtum', bei anderen wiederum will das Runde auf Biegen und Brechen einfach nicht ins Eckige. Der Groschen fällt da eher in Zeitlupe... oder im Weltall.
Bei mir geht alles im Schneckentempo, manchmal auch rückwärts. Andere sind da deutlich schneller.
Inzwischen weiß ich aber zumindest, daß ich im Wald stehe. Herzlichen Glückwunsch, immerhin etwas! Um zuverlässige, gangbare Wege zu finden, müßte ich die Bäume dann nur noch unterscheiden lernen.

Mich auf der Lichtung zurechtzufinden hingegen, habe ich inzwischen gelernt. Allein das hat aber schon eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Komfortabel, klein, still und überschaubar, kaum einer sieht mich... und ich brauche mir keine Sorgen machen, mich zu verlaufen, denn ich sehe in jeder Richtung immer genau, wo sie aufhört.
Ich habe so einen vertrauten Bereich, auch wenn der Aktionsradius begrenzt ist. Was nach dem Wald kommt, liegt jenseits meines Horizonts. Dort leben andere nach ungeschriebenen, und dennoch allgemeingültigen, Regeln in ihren Städten, Häusern, Dörfern. Es ist kann mir egal sein, ich vermisse es nicht, denn ich war nie gerne dort. Und auch nie länger, als nötig. Höflichkeitsbesuche, auf die jeder der Anwesenden insgeheim gerne verzichten würde, es sich aber keiner traut, zu sagen.
Natürlich frage ich mich trotzdem manchmal, wie es dort wohl sein mag... also so auf Dauer... aber zu was für einem Schluß ich da auch immer grad mal komme, es ist eh nur reine Spekulation.

Alles, was über kurze, notwendige Ausflüge hinausgeht, vermeide ich nach Möglichkeit bis heute. Und ich bin dann jedes Mal froh, endlich wieder 'zu Hause' zu sein.

Ich möchte niemanden verwirren, aber manchmal schwirrt nur Bandsalat rum. Ihn abzulegen sorgt zumindest dafür, daß es nicht noch mehr wird, und dabei sind ungeordnete Monologe leichter. Das Letzte, was da funktionieren würde, ist geordnete Kommunikation. Das bekomme ich einfach nicht hin.

Ich danke euch auch, daß ihr da seid. :)

 

Offline Taro

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #57 am: 10.05.2020 13:34:07 »
Moin Tal,

Schneckentempo und Bandsalat, da kenne ich mich gut mit aus. Das tolle ist aber, bei Schneckentempo bin ich die letzen 30 Jahre schon etwas weiter gekommen und die Strecke die ich zurück gelegt habe, kenne ich auch ausgezeichnet, hatte ja genug Zeit zum gucken.
Bandsalat habe ich heute noch immer wieder im Kopf. Deine Zwangsbeförderung ist ein gutes Beispiel dafür. Solche Dinge erzähle ich dann im Meeting mit allem ungeordneten was dazu gehört. So ein Meeting ist nämlich gerade keine geordnete Kommunikation. Es ist nicht wichtig, das die anderen mich verstehen. Gerade der Bandsalat der anderen hilft mir die Knoten aus meinem eigenen herauszubekommen. Konsens und gemeinschaftliches Kopfnicken ist gerade nicht das Ziel, im Gegenteil, Gruppen wo sich sowas einstellt ist kurz vor Ihrem Ende. Gerade der Unterschied von uns allen eint uns dann doch wieder in der einen Sache, das wir alle Spieler sind. Egal ob jemand unter der Brücke lebt oder Vorstand von einem Dax Unternehmen ist. Sobald es um das Spielen geht sind die riesen Unterschiede die wir sonst oft haben wie weggeblasen.

Taro
 

Offline TAL

Re: Ich bin verantwortlich
« Antwort #58 am: 15.05.2020 01:45:26 »
Die Tatsache, daß ich damals irgendwann plötzlich entgegen aller Wahrscheinlichkeiten einen sicheren Job mit gutem und geregeltem Einkommen hatte, hat mir absolut nicht gutgetan. Und das nicht nur wegen der Schulden, die ich so anhäufen konnte.
Für mich gilt definitiv: Weniger ist mehr.

Doch egal, was ich auch tue, wie sehr ich mich auch überall raushalte, ich habe irgendwie die seltsame Eigenschaft, ohne eigenes Zutun 'bergaufzufallen'. Das ist von mir aber nicht nur ungewollt, sondern auch unerwünscht. Ich habe genug mit mir selbst zu tun, zusätzliche Verantwortung möchte ich nicht haben.
Ich habe damals den Job gewechselt, um genau das eben nicht mehr 'an der Backe zu haben', weil ich dazu neige, alles 'mit nach Hause zu nehmen' - auch wenn irgendwie jeder das Gegenteil über mich denkt.
Auch ist Geld für mich nicht relevant, es geht um mein inneres Gleichgewicht. Das ist wichtiger als alles andere.
Die Kündigung damals war ein wichtiger Schritt aus dem Chaos hinaus, zurück ins Überschaubare, auch wenn mir das wahrscheinlich nichtmal wirklich klar war.

Es gab einige Situationen in meinem Leben, die sich anders als mit 'wahnsinnigem Glück genau zur rechten Zeit' einfach nicht erklären lassen. Ich weiß nicht, warum. Verdienen tue ich das sicher nicht. Ich habe alles getan, mich zu sabotieren, und trotzdem ging es dann immer irgendwie weiter. Klingt seltsam, aber manchmal habe ich es gehaßt. Warum konnte es nicht einfach mal enden? Ich wollte, daß es vorbei ist, und gleichzeitig wehrte ich mich mit Händen und Füßen dagegen, damit es nur irgendwie weitergehen kann. Klingt wirr. Ich kann es nur nicht besser erklären.
Heute bin ich dankbar dafür, daß ich sorgenfrei leben darf, und nicht mehr alles kaputtmachen möchte. Das Wissen darum, daß das bei mir nicht selbstverständlich war, und auch nach wie vor nicht ist, gibt eine innere Ruhe, die unbezahlbar ist.
Mehr ist nicht nötig.

Wenn ich das recht in Erinnerung habe, dann habe ich ungefähr im selben Alter aufgehört wie du. Das ist also auch bei mir schon ein paar Tage her. Keine 30 Jahre, da hätte ich anfangen müssen, als ich noch Quark im Schaufenster war, aber wirklich 'akut' ist es auch nicht mehr. Sollte man jedenfalls meinen...
Ich dachte immer, der Weg wäre für mich beendet gewesen, als mir bewußt wurde, daß ich es tatsächlich schaffen könnte, nicht mehr zu spielen... und habe dann einfach die Augen zugekniffen, wenn ich doch mal einen Schritt weitergehen mußte. Was sollte da noch kommen? Es ist doch alles gut.

Nein, nicht wirklich, denn die Konditionierung funktioniert leider noch immer. Plopp... ein plötzlicher Purzelbaum in meinem Kopf. Ein nostalgisches, fast schon 'warmes' Gefühl, abwechselnd mit der Scham, überhaupt daran zu denken. Pathetisch, lächerlich, armselig, aber ich kann es einfach nicht ändern. Eigentlich schon paradox, diese Verknüpfung mit vergrabenen, realitätsverzerrten Emotionen - da ist definitiv etwas nicht ganz richtig bei mir.
Glücklicherweise kommt das aber nicht sehr oft vor. Sehr heftig war es komischerweise an dem Tag, als ich das erste Mal bewußt wahrgenommen hatte, daß ich ja heute 'Geburtstag' habe. Weia. Vermeiden hilft, den Kopf in den Sand zu stecken hatte seine Vorteile.
Seitdem ich das nicht mehr tue, werde ich allerdings auch generell weit öfter daran erinnert als früher. Das mag ich überhaupt nicht, es ist sehr unangenehm.
Da frag ich mich manchmal schon: Muß das wirklich sein?
Und denke mir: Belaß' es doch einfach dabei. Oder glaubst du, Reden würde das einfacher machen? Pffft! Im Gegenteil.

Tja, eins ist jedenfalls geblieben: Da lebt jemand gerne unbemerkt im Hintergrund, will immer das letzte Wort haben... und weiß da leider auch, an welchen Stellen das immernoch relativ einfach ist.
Nicht genug, um Schaden anzurichten, aber ausreichend, um nicht aufzufliegen.
Zumindest ist das der Status Quo... und Geduld, die hat er nunmal mehr als genug.


Ajo... ich stehe mir eben immer nur selbst im Weg.

Schlaft gut. :)