Autor Thema: Medeas Tagebuch  (Gelesen 5275 mal)

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Offline Jacky1

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #45 am: 18.05.2020 23:30:41 »
Hallo,

es war einmal jemand hier im Forum, wir haben viel miteinander hier geschrieben.
Ich beschreibe ihn einmal als "Hardcore Abstinenten", da gab es keine Luft in den Beiträgen.
Alles zeigte in eine Richtung, wenn bei jemanden irgendwelche kleine Unregelmäßigkeiten zwischen den Zeilen zu finden wäre, er hat sie gefunden.
Viele Jahre spielfrei.....

Doch eines Tages spielte er wieder, einige Tage lang.
Er berichtete davon..........

Es ist nicht denkbar dass jemand aus meiner SHG wieder rückfällig wird, es ist nicht denkbar dass Fred, amTiefpunkt, Taro.....und noch viele mehr wieder anfangen zu spielen...es ist nicht denkbar!
Genau so wie einst das oben erwähnte Mitglied.
Für mich war es ein absoluter Schock!
Ein Schlüsselmoment in diesem Forum.
Wenn so jemand, der viel intensiver an sich arbeitete als ich, wieder Rückfällig wurde...ja dann Freunde, habe ich eh keine Chance.
So dachte ich einige Zeit.
Sogar noch heute ist dieser Gedanke in mir irgendwo manifestiert.
Mein Glaube nicht mehr zu spielen mag fest in mir sein, doch ist er auch gebunden an andere.
Menschen die mich begleiteten und auch an sich glauben.
Durch sie durfte ich es erfahren, es ihnen gleich zu tun...sie zeigten mir die Wege.
Viele Menschen in meinem Leben binden mich emotional, eigentlich mehr ein Fluch statt ein Segen.
Ich kann doch nicht mein eigenes Ideal sein!!!!

Also reißt Euch zusammen  :)
auch Du medea!  :)

Verrückt, was man alles so schreiben kann, wenn man offen mit sich umgeht.
Entweder auch ein Kontrollverlust oder die absolute Kontrolle.

Das kommt davon, ja klar spielfrei für die nächsten 24 Stunden.....
Nicht stehen bleiben, sich entwickeln, Werte zu schätzen und und und
Jetzt denke ich gerade, ich mache viel zu wenig um ein erneutes Spielen zu verhindern.
Dabei könnte es gefühlt kaum ferner sein.

Es ist so wie es nun einmal ist und es ist gerade gut so, medea.

Sternchen!

Liebe Grüße   
 
     
 


 
     
 
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Offline Fred

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #46 am: 19.05.2020 15:47:58 »
merke wie wenig ich mir vertraue.

Und das ist gut so. Solange du dich selbst hinterfragst, ist alles gut Medea.

Die Vergangenheit hat mir gezeigt, dass ich mir nicht trauen kann, sonst wäre ich nicht da gelandet wo ich letzen Endes gelandet bin.
Ich bin mir nicht böse und ich trage mir auch nichts nach. Ich frage nicht warum ich etwas machte.

Aber ich frage mich, warum ich etwas machen will und wäge meine eigene Antwort gut ab.

Ganz profane Dinge:
Frage: Warum willst du 200,- Euro einstecken ?
Antwort: Falls ich was kaufen will.
Frage: Zahlst du nicht immer mit irgendwelchen Karten ?
Antwort: Ja ... du hast gewonnen, ein 50er genügt :)

Klar ist das jetzt ein kontruiertes Beispiel und nicht mehr präsent in meinem Tagesablauf.
Aber es gibt immer noch ansatzweise ähnliche "Kommunikation" mit mir selbst.

Manch einer steckt einst einen Tausender zum Fahradfahren in die Tasche .. für den Fall der Fälle :)
Vielleicht wollte er unterwegs spontan ein Auto kaufen ?
Der Kreis schließt sich erst wenn er vollendet ist !
 
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Offline medea888

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #47 am: 24.05.2020 09:08:53 »
Guten morgen,

5 Monate und einen Tag.
Ich habe noch nie in meinem Leben soviel über mein Leben nachgedacht und mich damit beschäftigt wie in diesen 5 Monaten und 1 Tag.
Ich habe schon Dinge geändert, eher Kleinigkeiten, wie weniger Fernsehen oder gesünder Essen, nicht immer das Handy in der Hand. Vor allem aber Sport und mehr machen statt wollen.
Innerlich habe ich gemerkt, dass ich irgendwie unruhig und rastlos bin, denke das liegt daran, dass ich leider auch beim Arbeiten kein Limit kenne. Daher muss ich mich jetzt mit dem Thema Work-Life blabla beschäfigen :)
Bis auf wenig Male ganz am Anfang habe ich nicht mal daran gedacht wieder ein OC zu besuchen, aber ich weiß wie trügerisch das sein kann.
Ich habe noch viel zu erledigen, Gesprächstherapie geht bald los, wurde wegen Corona verschoben, und ich habe es immer noch niemanden erzählt.
Dazu muss man sagen ich komme aus einer totalen Suchtfamilie egal wo bei uns gab es Süchtige und es wurde immer totgeschwiegen, daher denke ich wird das für mich die größte Hürde werden, weil ich hier am meisten Scham empfinde, so zu sein, wie ich es nie wollte. Auch eine Süchtige.
Also Schritt für Schritt weiter, gestern dachte ich noch, toll 5 Monate heute denke ich eher, Mist da ist noch nen lange Weg vor Dir, hoffe der Weg ist das Ziel :)
Allen einen schönen demütigen und spielfreien Sonntag
Eure Medea
 
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Offline Fred

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #48 am: 24.05.2020 10:39:25 »
Medea, sich zu "outen" ist die größte Befreiung die du erfahren kannst.
( Natürlich nicht im Fernsehen, sondern der engste, betroffene Kreis, ggf. sogar nur der Partner )

Alle haben Angst davor und sind doch danach unendlich froh es endlich hinter sich zu haben.

Alle "Angehörigen" die ich bisher traf emfanden diesen Schritt als absolutes Muss und Grundvoraussetzung einer Partnerschaft.
Das Verschweigen ist Lügen.
Lügen ist nicht zwingend durch falsche Worte, sondern durchaus auch durch weglassen von Fakten definiert.

Ein ganz wesentlicher Schritt, wie willst du damit eine Zukunft aufbauen ?

Das "verheimlichen müssen" belastet immens und wird nie weniger. Im Gegenteil, es wird immer drückender.

Übrigens sind nahezu alle Angehörigen eher dankbar fürs Aufklären, weil dies einen kleinen Vertrauensbeweis darstellt und sie selber überhaupt erst ansatzweise die Chance bekommen, die vergangenen Situationen halbwegs zu verstehen.
Zumeist angehörige Frauen neigen dazu die Schuld bei sich selbst zu suchen und verzweifeln daran mehr und mehr.
Obwohl es Männern nicht anders gehen wird ... man merkt es stimmt was nicht und hat keine Chance zu erfahren, was los ist.

Rastlos bist du, weil du noch nicht angekommen bist. Dich noch nicht akzeptiert hast.
Deine Situation nicht akzeptiert hast. Mit dir bei weitem nicht im Reinen bist.
Jede Minute wird gefüllt durch Ablenkung damit du nicht über dich selbst nachdenken musst.

Wasch mich aber mach mich nicht nass ... das geht hier nicht.
Du solltest das nicht vertuschen wollen. Es schadet dir mehr als du denkst.
Letzten Endes ruinierst du dich damit selbst ... spätestens beim nächsten Rückfall.

Vielleicht kann Jacky nochwas dazu beitragen ... er kennt das Thema gut :)

Mir bist du im Prinzip "scheißegal" ... anderen vielleicht auch ... Buchstaben / Texte auf einer Internetseite.
Die kommen und gehen.

Medea, das ist kein Kindergarten hier, keine Plauderecke
Es geht knallhart um deine Zukunft um dein Leben.

Du solltest dir nicht "scheißegal" sein.
Der Kreis schließt sich erst wenn er vollendet ist !
 
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Offline Taro

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #49 am: 24.05.2020 17:16:22 »
Moin Medea,

Sucht ist nun mal eine Familienkrankheit, warum solltest Du nicht der erste sein der das auch (zum wohle aller Familienmitglieder) auch kommuniziert? Die Angst vor dem outing ist meistens nur in unserem Kopf, die Erleichterung danach ist wie Fred schon sagte sehr befreiend.

Mir viel aber ein anderer Satz auf "..., hoffe der Weg ist das Ziel".  Was gibt es da zu hoffen? Entweder er ist es und Du spürst es, Du hast Dich ja eben auf den Weg gemacht, oder eben nicht. Wohin ist es noch ein langer Weg, was ist Dein Ziel das so weit weg scheint? Keine Schulden mehr? Für einen Spieler kein sehr spannendes Ziel, es ändert sich nämlich wenn Du es richtig machst nichts. Hast Du Dir den neue Ziele gesetzt, wo es lohnt sich spielfrei auf den Weg zu machen?

Wie Fred immer sagt führt er ein langweiliges Leben, vermutlich sieht meins nicht viel anders aus, drei Kinder und Frau, Haus mit Garten. Sehr langweilig, für mich als "krimineller" Spieler damals jedoch ein vermessener Wunschtraum. Hab dann noch ein Studium nach dem Spielen gemacht, für mich alles riesen grosse Dinge, für andere nur langweilig. Ich bin jedoch nach wie vor neugierig, wenn es mir zu langweilig ist geh ich einfach ins Eis.

Schönes Wochenende.
Taro
 
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Offline medea888

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #50 am: 24.05.2020 18:30:21 »
Hallo,
danke für eure Worte.

@Fred: ich habe nicht gesagt, dass ich es meinem Partner nicht erzählen will, ich habe geschrieben, dass es mein nächster Schritt sein muss. Mir war es wichtig in den letzten Monaten bei mir zu sein und über alles in Ruhe nachzudenken. Es ist vielleicht falsch, nicht gleich was gesagt zu haben . aber das ist eben meine Art mit der ich das momentan in kleinen Schritten angehen. Schnell durchrennen ist da einfach nicht. Und ich habe kein Angst vor Vorwürfen oder so. Und ja ich weiß mein Partner wird enttäuscht sein, aber wird mich sicher nicht aus dem Haus werfen.
Und ich nehme das hier sehr ernst und sicher nicht als lustige PLauderecke, da hätte ich andere Ort die mir dafür besser gefallen würden.
Ja, du hast sicher recht, dass ich mich auch ablenke, aber es geht auch darum mein Leben zu sortieren, da gehört ganz viel dazu.

@ Taro
Ich spüre deutlich, dass ich auf einem Weg bin und im Gegenteil zum letzten Jahr auch in Bewegung, das ist ein gutes Gefühl. Schulden hab ich nie gemacht. An den Zielen arbeite ich ja bereits. Ich habe aber das Gefühl es noch nicht wirklich zu kennen - und das Ziel ist für mich nicht spielfrei zu bleiben, sondern ein Leben zu führen, in dem spielen keine Rolle mehr hat. Und da taste ich mich eben gerade ran - da meinte ich mit der Weg ist vielleicht das Ziel. Mich selbst momentan mal in den Mittelpunkt zu stellen in meinen Gedanken- das habe ich lange nicht getan.

Ich bin Euch sehr dankbar für Eure Zeilen und die Zeit Dir Ihr Euch dafür nehmt.
Danke
Eure Medea
 
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Offline Jacky1

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #51 am: 24.05.2020 23:04:04 »
Hallo,

ich (der Esel immer zuerst) war mir sicher nicht mehr zu spielen, dann steckte ich mir einen Tausender ein und bin "Fahrrad gefahren" .
Diese ganze Bedeutung dahinter für mich und meine Familie jetzt nicht so wichtig.

Doch damals.....war ich danach völlig hilflos.
Als wäre ich einen steilen Abhang herunter gestürzt, den Schädel aufgeschlagen und in meinem Blut ertrinkend.
Und ich habe mir es mir gewünscht, dass es besser so gewesen wäre.
Und ich habe es genossen, dann hier darüber zu schreiben oder es in meiner SHG erzählt zu haben...ich arme Sau.
Bis das Blut gefriert....Schockstarre.

Solche Dinge konnte ich nicht meiner Familie berichten, sie hätten es nicht verdient..sie hätten so jemanden wie mich einfach nicht verdient.
Doch ich war ja da!
Sie lieben mich und ich liebe sie, so tief kann man doch gar nicht sinken, allen so etwas anzutun!

Ich saß einmal mit meinem jungen Sohn (er war damals noch sehr jung) am Küchentisch, er mir gegenüber.
Ich spielte online in einem Casino und fragte ihn nach einer Zahl...einfach so, ohne dass er groß mitbekommt um was es wirklich geht...ein Spiel halt. Ok ich nahm auch seine Zahl beim Roulette...der Kleine saß da mit geschlossenen Augen und mit beiden Daumen drückend und hoffte dass ich dieses "Spiel" gewinne, mit seiner Zahl.
Und nochmal, für ihn war es nur irgendein Spiel!
Keine Ahnung mehr was für eine Zahl kam, doch seine war es nicht.
Doch ich sagte ihm lachend...hey , Deine Zahl ist tatsächlich gekommen.
Er freute sich und jubelte ....genau so wie ich mich für ihn, wollte er nur dass sein Vater sich freut und Glück empfindet.
Weil er mich liebte und ich ihn auch.

Ich muss sicherlich nicht den Unterschied der Gefühlswelten zwischen uns beiden erwähnen.

Nie nie mehr werde ich an einem Tisch sitzen mit meinem Sohn und sein Glück setzen.
Und deshalb habe ich ihm von mir erzählt, seinem Vater dem Spieler.
Und ich habe es nicht für mich gemacht...sondern , weil er eben so jemanden wie mich nicht verdient hat.
Er hat einen ehrlichen Vater verdient, der sicherlich nicht alles richtig macht...auch heute.
Und das schönste dabei, jetzt gerade ..genau jetzt...merke ich sehr stark, es war doch auch für mich!
Und würde ich ihn wieder nach einer Zahl fragen, würde er mir keine sagen...sondern mich in den Arm nehmen.
Flüstern...mache es bitte nicht!
Setze unser Glück nicht ein!

...bis das Blut gefriert.   

Jetzt darf ich ihn auch lieben, er hat es verdient!

Liebe Grüße


 



     



 
 

   
« Letzte Änderung: 25.05.2020 23:57:11 von Jacky1 »
 
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Offline Taro

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #52 am: 24.05.2020 23:55:40 »
Ich war mal mit Freunden auf Fehmarn. Die Freunde wollten unbedingt ausreiten, es waren alles Reiter außer ich, einen begleiteten Ausritt konnte man bei einem Gestüt buchen. Ich wollte gerne mitreiten. Wir wurden gefragt ob wir alle Reiten können, was auch ich bejahte. Es ritten noch andere mit. Ein Sattel hatte ein durchgehendes Lederband über dem vorderen Sattel. Ich dachte, den Sattel muss ich haben, da kann ich mich festkrallen. Leider gehörte der Sattel zum größten Pferd. Hinter mir ritt ein anderer Gast, die wohl auch nicht richtig gut reiten konnte. Vorne der Reitlehrer auf einem Hengst. Der Hengst stieg einige male auf die Hinterbeine, doch der Reitlehrer konnte Ihn Händeln. Wir ritten also los. Plötzlich ein Schrei hinter mir, die Frau lag mit dem Bauch quer auf dem Rücken und viel runter, wir waren im leichten Trab. Die Frau sagte das Pferd sei gestolpert. Wir ritten am Strand an der Wasserkannte weiter. Dann wieder ein Schrei, das Pferd lief direkt ins Meer und die Frau viel ins Wasser. Es war Herbst und recht kühl. Sie krabbelt aus dem Wasser und sagt das Pferd sei wieder gestolpert. Sie wollte nicht wieder aufsteigen, sie wollte ein anderes Pferd. Keiner von uns wollte tauschen. Dann wollte Sie den Hengst des Reitlehrers. Der sagte, den könne Sie nicht reiten, der würde sofort merken das er jetzt der Herr ist und macht was er will.

Egal wie gut man Ihn bändigt und trainiert, es wird immer eine Rolle spielen das er ein wiederspenstiger Hengst ist. Genau wie bei dem Tier ist in mir der unberechenbare Spieler. Ein Leben wo das keine Rolle mehr spielt wird es nicht geben. Ich muss immer auf der Hut sein und Ihm zeigen wer der Herr ist.

Viele Worte, der Gedanke kam mir aber als ich Dich lass medea.

Taro
 
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Offline medea888

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #53 am: 31.05.2020 12:44:34 »
Hallo Jacky, Hallo Taro, danke für Eure Beiträge. !!

Heute sind es 160 Tage, aber die Zahl ist im Grunde total egal, es ist das Gefühl, was wichtig ist.
Ist wie mit dem Joggen, hab das jetzt vor 2 Monaten angefangen. Am Anfang war es schwierig, hab auch gleich wieder übertrieben aber jetzt geht es wie von alleine und ich wache morgens auf und wenn ich weiß kein Tennis, dann geh ich eben joggen.
SO fühlt sich das nicht spielen an, ich spiele einfach nicht, ohne jeden Gedanken dazu.
Natürlich muss ich weiter an meinem Verhalten arbeiten und lernen auf Dauer damit umzugehen, nicht nachlässig zu werden und wieder zurückzurutschen.
Sicher muss ich auch einige Dinge sonst noch ändern, mich öffnen und vor allem weniger Erwartungen erfüllen, sondern mehr meine eigenen Erwartungen besser lernen zu empfinden.
Das fällt mir schwer, ich will dann doch immer für alle die gute Freundin, die gute Partnerin, die gute Chefin sein, selbst die gute Tochter ( und das ist bei meiner Mutter wirklich ne Herausforderung)
Ich denke ich  muss wieder besser lernen, was mir selbst gut tut, und mir dafür aktiv die Zeit nehmen.
Soweit zum Pfingstsonntag von mir.
Allen einen ganz tollen Tag und tut Euch was gutes.
Ich gehe jetzt in den Garten und lese den 3 Teil von das Cafe am Rande der Welt.
Bis dann
Eure Medea
 
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Offline medea888

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #54 am: 08.06.2020 06:04:16 »
Hallo an alle,

so ich hab mir ein paar Tage Auszeit genommen und bin alleine weggefahren. Wer mich kennt, würde nicht denken, dass ich gut alleine sein kann, aber manchmal finde ich da super. Musik auf die Ohren und drei tage lang ohne Plan ans Meer fahren.
Toll war natürlich, dass ich mir das ohne Probleme leisten konnte, hab definitiv einiges in den letzten Montaten gespart.
Eigentlich wollte ich die Tage hier auch nutzen, um darüber nachzudenken, was meine nächsten Schritte zur Langfrigen Spielfreiheit sind. Aber irgendwie hab ich gemerkt, ich brauchte vom spielfrei "Nachdenken" auch eine kurze Pause.
Nicht falsch verstehen, ich will mich nicht drücken oder so, nur mal ein paar Tage nicht soviel nachdenken, hat gut getan.
Bin unglaublich viel rumgelaufen, habe die Ostsee genossen.
Gestern war in einer Kirche, ich bin nicht gläubig, nie gewesen, ich find Kirchen aber Architektonisch toll.
Aber diesmal hab ich mich auch nen Moment hingesetzt, da war ein junges Paar die beteten einen Rosenkranz. Das ging mir irgendwie nah, die sahen ganz schrecklich verzweifelt aus... das erinnerte mich dann doch an die Momente, wo ich nach dem Spielen war, verzweifelt. Und da dachte ich, toll wenn man in Gott Halt findet, darum hab ich die beiden in dem Moment beneidet.  Man hat einen PRospekt beim Eintritt bekommen, und da stand ein Spruch drauf. Ich schreib den hier mal rein.
****
Licht des Lebens
Einen Augenblick der Ruhe
trotz des Trubels ringsherum
Ein Innehalten, einen Moment
der Besinnung
Über Dir, himmelhoch
wölbt sich ein Raum
zieht Dich empor
Dein Blick wandert,
trifft auf ein Kreuz, das nicht nur
von dem Leben des Einen
sondern auch von den Grenzen
Deines Lebens erzählt
Sei nicht mutlos
Licht bricht herein
erleuchtet die Bilder
der Zweifel, der Not
strahlt hindurch in die Tiefe
Deines Herzens
Eine Hoffnung die den Tod überwindet
***

ich bin nicht religös, dennoch fand ich darin unglaublich viel in dem Moment und wollte das hier teilen und für mich mitnehmen aus diesen wunderbaren Tagen .
Ich bin aktuell so dankbar spielfrei zu sein, tief dankbar
Und heute fahre ich heim und nehme viel Kraft mit, um die nächsten Schritte in ein spielfreies Leben mit vielen weiteren solchen Tagen anzugehen.
Allen einen guten Start in die Woche
Eure Medea
 

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Re: Medeas Tagebuch - 6 Monate
« Antwort #55 am: 23.06.2020 21:08:39 »
Hallo,

heute sind es 6 Monate. Die Zeit rennt.
ich weiß gar nicht was ich schreiben soll.
Es geht mir gut, ich bin viel nachdenklich, schaue genau auf mein Leben, Grenze die Dinge ein die mir nicht gut tun.
Sehe viel kommt aus meinem Job, da muss ich genauer schauen.
Aber ansonsten geht es mir wirklich gut, ich denke fast nie ans spielen und wenn dann nur wenn ich mich bewusst dafür entscheide dahin zu schauen.
Dennoch bleibe ich sehr angespannt und schaue auf mich, ich finde es teilweise anstrengend mich ständig mit mir zu beschäftigen, weil ich das sonst wenig getan habe.
Aber stolz für 6 Monate empfinde ich nicht so richtig, vielleicht auch weil ich es als nicht schwierig finde nicht zu spielen. Es kommt mir zu leicht vor.
Aber ich bin dankbar wieder ein anderes Leben ohne spielen zu haben - das ist ein super Gefühl.
Allen viel Kraft und Motivation
Eure Medea
 
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Offline medea888

Re: Medeas Tagebuch 200 Tage
« Antwort #56 am: 10.07.2020 16:11:14 »
Hallo an alle,

ich nehme die 200 Tage mal zum Anlass wieder was zu schreiben.
Es geht mir weiterhin sehr gut. Alles was ich so gestartet habe mit viel Sport, weniger Fernsehen, wenige Handy habe ich beibehalten. Höre viel Musik, ich finde in vielen Liedern viel Trost und Dinge die mich immer wieder dazu bringen nachzudenken.
Gestern Abend habe ich eine Reportage über ein Viertel in Mannheim gesehen, viel Armut, Prostitution und Elend mitten in Deutschland. Dazu muss ich zugeben, dass ich in Bezug auf Elend immer feige war genau hinzuschauen, egal wo auf der Welt, das ist für mich immer ungreifbar schrecklich und mehr als zu Spenden habe ich mich bisher nicht getraut zu helfen... Ich schaue mich auch keine Filme über den 2. Weltkrieg an, weil ich mich danach auch immer ganz schlecht fühle. Ok warum schreibe ich das hier. Weil es mich doch den ganzen Tag indirekt beschäftigt hat. Ich habe das Wort in diesem Tagebuch schon oft genutzt deswegen ist es nicht weniger Wert: Demut. Und dann kommt im gleichen Moment auch bei mir eine unglaubliche Scham hoch. Wie konnte ich, der es wirklich gut geht soviel Zeit, Energie und Geld in eine Spielsucht stecken.
Wenn mir diese Gedanken kommen, dann merke ich immer wieder, wie unfassbar das inzwischen für mich ist und wie vorsichtig ich sein muss, es nicht zu verdrängen, weil mir der Gedanke daran soviel Scham bringt.  Da ist also noch einiges, was ich betrachten muss, um mir meiner Selbst und der Krankheit bewusster zu werden.
Die positiven Dinge sind, ich denke immer noch nicht ans spielen.
Ich bin den nächsten Punkt angegangen und habe mein berufliches geändert oder bin dabei. Ich arbeite viel weniger. Entspanne mehr und versuche neue Dinge .
Die meisten davon haben bisher nur Schmerzen gebracht: Stand-up Paddeling in den Oberschenkeln und heute das erste mal Hullahoppreifen einen blauen Bauchbereich, lach

Und ich kann aus vollem Herzen sagen, die letzten 200 Tage waren jeder besser als jemals ein Tag wo ich gespielt habe.
Eure Medea
 
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Offline medea888

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #57 am: 27.07.2020 22:54:58 »
Hallo,

die Zeit rast, irgendwie geht mir dieses Jahr zu schnell.
7 Monate habe ich nun nicht mehr gespielt, es kommt mir vor erst ein paar Tage, nicht weil ich ständig dran denke, sondern einfach weil die Zeit so schnell geht.
Ich war in der letzten Woche in Urlaub in Belgien. Mit meiner besten Freundin und meinem besten Freund. Das war Seelenbalsam. Wunderbare Tage in denen ich ganz mal raus war, auch aus den Gedanken um meine Krankheit.
Naja, natürlich gab es auch in den Tagen Zeiten in denen ich über meine Spielsucht nachgedacht habe oder sagen wir, Sie mich aufmerksam gemacht hat. Immer dann wenn ich alleine war. Einen Tag war ich in einer Stadt im Ruhrgebiet und bin alleine mit dem Fahrrad umhergefahren, eine wirklich traurige Stadt wie ich fand. Es gab unglaublich viele Bettler, bzw. eben nasse Alkoholiker die auf der Straße lebten,  die Ihrer Sucht offenbar nicht gewachsen sind, das hat mich schon irgendwie runtergezogen, dann gab es da unglaublich viele Sportwettenbüros. Damit hatte ich ja nie zu tun, dennoch musste ich da hinschauen, wie die Leute davor standen und diskutierten... ich dachte mir, oh man, so war ich auch, nur dass ich mit mir selbst diskutiert habe, mir selbst eingeredet habe, nur noch einmal spielen, dann wird es besser...
Am morgen bin ich dann im Hotel ganz früh wach geworden und nochmal durch die schlafende Stadt gefahren, noch trauriger überall in den Geschäftseingängen lagen, die die mich am Abend leicht angetrunken angeschnorrt hatten. Wow, das war irgendwie heftig. Habe dann, eigentlich doof belegte Brötchen gekauft und den schlafenden hingelegt, ich weiß bringt die nicht weiter... aber half mir irgendwie.
Die Tage dann in Belgien habe ich wirklich genossen. Auch weil ich so bei mir war, so deutlich kenne ich das einfach gar nicht von mir.
Ich habe sonst immer Phasen in denen ich sehr traurig und erschöpft bin, und mich von Kleinigkeiten runterziehen lassen – das habe ich in den letzten Monaten gar nicht mehr. Trotz auch trauriger Dinge in meinem Leben, bin ich irgendwie zuversichtlich.
Heute bekam ich eine Email von einem Casino, ich hätte da noch Geld drauf  21,45 € … meine 6 monatige Sperre ist wohl ausgelaufen. Dachte zuerst, ok loggst dich kurz ein.
Und dann dachte ich neee, was soll´s, sollen Sie das Geld doch behalten.
Es war mir egal.
Ich weiß nicht, ob ich wirklich soviel weiter bin, wie es sich anfühlt, aber ich weiß ich bin irgendwie anders und da anders ist ziemlich gut.
Stehen bleiben ist aber keine Option.
Ich muss noch mehr raus finden, wo der Drang zum spielen für mich persönlich her kam.
Vor ein paar Tagen, dachte ich darüber nach , wie es sich anfühlte zu spielen. Und im Nachhinein habe ich gemerkt, es fühlte sich wie Arbeiten an, klingt doof, aber so war es. So als könnte ich damit ein Hobby haben mit dem ich was erreichen kann – denke das kommt schon aus meiner Erziehung, immer abliefern zu müssen – immer zu funktionieren.
Nur so ein Gedanke, den ich noch nicht fertig gedacht habe.
Von daher, ich bin gut drauf, aber eben auch viel in Gedanken zu allen möglichen Themen und da ist mir aktuell wirklich wichtig und da will ich auch noch weiter dran bleiben.
Irgendwie ein wirrer Eintrag heute in mein Tagebuch :) aber dafür sind Tagebücher auch da, manchmal wirr zu sein.
Allen einen schönen Abend und wunderbare 24h
Eure Medea
 
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Offline Jacky1

Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #58 am: 28.07.2020 00:06:45 »
Hallo Medea,

kurz und knapp, ohne dieses tolle Tagebuch zu unterbrechen.
Man könnte immer etwas finden, als motivierter Leser Deiner Worte.
Hinterfragen und drängen in eine Richtung, mahnen.....

Was aber deutlich erkennbar und in einer stetigen Steigerung steht, Du bleibst nicht stehen.
Reflektierst offen und berichtest, von DIR !
Was Du als etwas wirr empfindest, stellt sich für mich als absolut nachvollziehbar dar.  :)
Nicht nur deshalb, folge ich gerne Deiner "Suche" weiter.

Danke für Deine Beiträge.

Liebe Grüße     
 
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Offline amTiefpunkt

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Re: Medeas Tagebuch
« Antwort #59 am: 28.07.2020 07:34:47 »
Moin Medea,

danke für deinen tollen Beitrag in deinem herausragenden Tagebuch, ich lese immer gerne darin.

Wachsam sein ist das A und O...

Weiter so...

aT
Sag "JA" zum Leben!
 
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