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Jürgens Tagebuch

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Jacky1:
Hallo,

Erlösung.

Ich weiß nicht einmal ob ich dies für mich schreibe und ich weiß auch nicht,ob ich es von Jacky1 trennen kann.
Ich weiß nur,immer wenn ich meinen richtigen Namen hier gelesen habe,war ich gefordert.

Selbst erschaffene Schizophrenie,eingebildet,Stress bedingt oder durch einen chemischen Prozess,jetzt nicht wichtig.
Wichtig nur für mich,dass man mich hier schreiben lässt.

Ich sehe es als eine Art des Exorzismus,ein kleines Experiment.
Aber natürlich wohlwissend,dass es eh nicht funktioniert.
Mit Dingen die eh nicht funktionieren können habe ich genug Erfahrung,also halt eh nur eine mehr.


Jürgen:
Von der Mutter einst wohlbehütet erzogen,es war alles andere als leicht für sie.
Mein Vater war ein Draufgänger,in allen Bereichen des Lebens.
Er verbrachte wohl lieber seine Zeit mit seinen Kollegen an verschiedenen Stammtischen der Stadt,als mit seiner Familie.
Immerhin waren dies,eine Frau und zwei Söhne im Alter von fünf  und einem Jahr.
Als mein Bruder starb hatte er noch nicht einmal richtig laufen können.
Doch mein Vater konnte es dafür umso besser,er rannte weg von uns.
Mein Bruder war gerade erst eine Woche begraben. Wolfgang

So standen wir nun da,meine Mutter und ich,wir zogen in das Haus meiner Großeltern.
Meine Mutter lachte viele Jahre nicht mehr.
Er war einfach verschwunden,ohne zu fragen,zu erzählen,zu grüßen oder gar zu bezahlen.
Wahrscheinlich ist zu dieser Zeit auch schon Jacky1 geboren.
Doch über ihn schreibe ich hier nicht,man kennt ihn ja eh schon ganz gut hier.

Meine Oma sorgte sehr gut für mich,während meine Mutter arbeiten ging,ich holte sie immer sehr gerne von ihrer Arbeitsstelle ab.
Wir liefen sehr oft zusammen nach Hause,schön eine kleine Familie zu haben.
Die Mutter an der Hand und so vertraut,so beschützt.
Doch zogen sehr schnell neue Schatten auf,es erwies sich wohl,dass ich ein schwieriges Kind wäre.
Lachend und rennend durchs Laub,den Wind spürend im Gesicht,statt zu gehorchen.
Anrufe der jeweiligen Erzieher/Lehrer waren die Folge daraus.
Sie sind eifrig darin,wenn es darum geht eine Mutter zu demütigen,im Namen ihres Kindes.
Getan habe ich nichts,außer halt ein Kind zu sein.

Erlösung!

 
   
 
 

 

     

 

Fred:
Hör' grad Yo Yo Ma - Bach Six Cello Suites
Muss dann diesen Beitrag lesen.

Es steht so viel in diesen Zeilen die nicht geschrieben wurden.
Zuletzt als kleiner Junge wurde meine Phantasie so angeregt.

Ihn schön zu nennen wäre nicht gerecht.

Erleichterung
Danke


https://www.youtube.com/watch?v=Nu9MDqGhIak
( ab ca. 4:00 )

MiLu:


Lieber Jacky,

vielen Dank, dass du uns daran teilhaben lässt! Eine Frage habe ich: als Jacky1 geboren wurde, wuchs seither Jürgen mit oder ist er bis heute noch der Junge von damals und Jacky1 übernahm die Führung?

Kleine Hand in meiner Hand

Kleine Hand in meiner Hand,
Ich und du im jungen Grase,
Ich und du, im Kinderland
gehen wir auf der langen Strasse:
Deine Hand in meiner Hand!

Kleine Hand in meiner Hand,
Die einander zärtlich fassen:
Ich und du, nichts hat Bestand.
Einmal, ach! muss ich dich lassen,
Kleine Hand aus meiner Hand.

Kleine Hand in meiner Hand,
Kleiner Schritt bei meinem Schritt,
Kleiner Fuss im weiten Land:
Einmal geh ich nicht mehr mit.
Einmal gehst du ohne mich,
Wie ein Traum mein Bild verblich.

zt. von Friedrich Schnack

(dieses Gedicht schrieb mir mal meine Mutter bevor sie erkrankte..... es fiel mir beim Lesen deiner Zeilen sofort ein)

Liebe Grüße

MiLu

Jacky1:
Hallo,

Glaube.


Jürgen:
Meiner Mutter war eigentlich ein anderes Schicksal zugewiesen.Aufgrund einer streng religiösen Erziehung war das Leben einer Nonne für sie gedacht.Die Begegnung mit meinem Vater und mein heranwachsendes Leben in ihrem Körper,zeigte aber nun zukünftig in ein weltliches Dasein.Selbstredend übernahm sie den vorgegebenen Part und übertrug ihren Glauben auf mich.
Selten war wohl ein kleiner Junge mehr in der Kirche.

Auch der Kindergarten unterstand der Kirche,gerne ging ich nicht dorthin.
Was aus heutiger Sicht als schwerer Missbrauch und Verletzung der Psyche gelten würde,war damals der völlig normale Umgang,in einem fanatischen Wertesystem.
Ich nahm alles hin,meine Mutter auch,es geschah im Namen des Herrn.
Wenn auch die religiösen Gemälde in der Wohnung meiner Oma,mehr an einen Holocaust erinnerten,als an ein liebliches Himmelreich.       

Ich fühlte mich im Hause Gottes immer sehr behütet,oft ging ich auch alleine hin.
Ich betete,ich habe vergessen für was ich diese Gebete einsetzte.
Dieses Haus spendete mir Wärme und ich dachte man hörte mir zu,obwohl keiner da war.
Dass ich recht früh schon Ministrant wurde,war also ganz selbstredend.
Ein schönes Gefühl auf einer Bühne zu stehen,wenn auch nur als Diener.

Gott war ein ewiger Begleiter meines Weges,man hat ihn mir zur Verfügung gestellt.
Sollte ich nun schreiben dass ohne ihn alles schlimmer gewesen wäre.
Nein nicht schlimmer,aber eventuell erträglicher.
So unterlag ich ja schon ständig einem Gewissen,dass ein Kind nicht tragen sollte.
Es war schön mit anderen Menschen zu singen,aber wehe man störte die göttliche Ordnung.

Die alte Holzbrücke über den Rhein liebte ich,es war eine Faszination über den Rand in die Tiefe zu schauen.
Die strengen Blicke der hölzernen Figuren,die Brückenheiligen.
Ich war noch nicht einmal zehn Jahre alt,als ich von ihr sprang.
Irgendwie ging alles gut aus,eine kleine Punktation in meinem Knie,sonst nichts,abgesehen von etlichen Standpauken.
ich habe es nie jemanden gesagt,sie glaubten alle an meine Tollpatschigkeit.
Alle hätten nur auf mich gezeigt,was für ein krankes Kind,die arme Mutter.
Doch es hatte etwas sehr positives,ich bekam für eine lange Zeit einen Gipsverband.
Der kleine Held,der Brückenspringer.

Glaube.


/Liebe MiLu,ich versuche es gerade zu finden.   
   
 



   
 

   

Jacky1:
Hallo,

Ohnmacht.


Jürgen:
Mein Onkel hatte ein Zimmer in der Wohnung meiner Oma.
Er arbeitete wohl nicht so gerne,trank lieber Bier und schaute Fernsehen,wer würde dies auch nicht lieber wollen.
Keiner im Haus ging gut mit ihm um,teilweise war es unerträglich,er tat mir unendlich leid.
Er brachte es nicht weit in seinem Leben,doch war er ein lieber Mensch,was wollte man eigentlich mehr ?
Er starb an einer Kreuzung,ein Lastwagen zerfetzte ihn auf seinem Mofa.
Das Blut unserer Familie färbte tagelang diese Strasse und wir liefen alle täglich daran vorbei.
Eines Nachts vergoß ich unzählige Becher mit Wasser darauf,ich wollte es wegschwemmen.
Es war eine viel befahrene Strasse,eine Polizeistreife brachte mich nach hause.
Diese Prügel hatte ich nicht verdient.
Menschen die man liebt sollten einem so etwas nicht antun.

Ich besuchte ihn sehr gerne auf dem Friedhof,ich goß seine Blumen.
Angst hatte ich auch dort,aber nicht vor den Toten,die Lebenden sind überall.
Opa starb wenige Wochen danach,er hat nie viel mit mir geredet,geschumpfen schon.

Der Schulalltag gestaltete sich schwer,nicht für mich,eher für meine Mutter.
Sie war wohl mehr dort als ich.
Es wurde ihr angeraten mich untersuchen zu lassen,irgendwelche Kabel am Kopf und farbige Bausteine zuordnen.
Einige male gingen wir dorthin,man wollte mich sondieren. 
Eine Lobotomie hätte mich im Nachhinein auch nicht verwundert.
Hetzer gibt es überall,Schergen mit erhobenem Finger,alte Generationen mit einem Hakenkreuz im Herzen.
Sie wissen was sich gehört und dulden keinen Abschaum in den eigenen Reihen.     
Doch in der Schule ganz hinten zu sitzen schmälerte meine Zensuren nicht.
Keinen interessierte es,alle schauten nur auf mein Benehmen.
Was für ein verdorbenes Kind,kein Wunder ohne Vater.

Ich fing an mich zu schämen,für meine Herkunft,für meine Familie.
Doch war es ja wohl ich,der dies erst verursachte.
Man sagte es mir oft,eine Mutter hat es nicht leicht,ich wäre lieber in einem Heim gewesen.
Ich habe eine liebe Mutter,sie trifft keine Schuld.
Wenn ich ihr dies alles sagen würde,zerbricht ihre heile Welt,kein Sohn sollte dies tun.

Ohnmacht.
     
   

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