Autor Thema: Warum hört ein Spieler eigentlich nie auf ?  (Gelesen 809 mal)

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Warum hört ein Spieler eigentlich nie auf ?
« am: 01.12.2016 10:36:29 »
Ein Spielsüchtiger hat anfangs des Spielens noch den Charakter, den der Allgemeinheit bekannt ist. Er spielt am Anfang noch in der Form, dass ein Außenstehender nie auf den Gedanken kommen würde, dass dieser Kunde unter der Krankheit Spielsucht leidet, da dieser noch redegewandt, freundlich und relaxed ist.

Falls der Spieler an dem Automaten unentwegt verlieren sollte, dann bleibt sein Charakter noch derselbe; zwar etwas wütend, aber noch erträglich.

Tritt der erste "Gewinn" ein, dann gibt es eine Ausschüttung von Glückshormonen. Das bekannteste ist der Botenstoff Adrenalin. Der "Gewinn" ist eigentlich gar keiner, da der Einsatz um ein Vielfaches höher liegt - es ist lediglich eine Reduzierung des Verlustes (kurzzeitig). Diesen Adrenalinschub erlebt der Spieler in seiner vollsten Intensität und damit beginnt der Teufelskreis; der Blackout (Kontrollverlust) tritt ein. Der Spieler möchte nun unentwegt diese Art Höhepunkt wieder erleben.

Jede Spielhalle stellt ein Unternehmen dar, das gewinnorientiert arbeitet. Die Programme der Spielautomaten sind so konzipiert, das Kunden (eigentlich Opfer) mit "Gewinnen" geködert werden sollen. Das gelingt auch, sonst gäbe es nicht so viele Spielhallen. Die Automatenhersteller entwickeln nicht irgendwelche Symbole, sondern die sind psychologisch durchdacht. Auch der Sound, Grafik und Lichtspiele sind genauestens überlegt und programmiert worden.

Ein Spielautomat, der nur schwarz ist, nichtssagende Symbole, keinen Sound, etc. hat, wird außer Acht gelassen.

Zurück zum Adrenalinkick. Der Spieler erhöht seine Einsätze, um seinen Verlust wieder wettzumachen. Der Charakter ist nicht mehr derselbe, den man eigentlich kennt. Der Spieler redet kaum noch, wird aggressiv, raucht doppelt soviel, mag nicht angesprochen zu werden, will das Geld schnell gewechselt bekommen und fängt mit Selbstgesprächen an. Der Spieler will wieder dieses vorherige Glücksgefühl erleben und "koste was es wolle" sind seine Einsätze nun deutlich höher. Erhält er irgendwann wieder einen "Gewinn", dann ist wieder eine Adrenalinausschüttung. Falls zwei oder sogar drei "Gewinne", dann hört man den Spieler sagen: "nun ist das Gerät offen (das Wort "offen" bedeutet bei Spielern = jetzt wirft der Automat nur noch)" oder "na bitte, heute ist mein Glückstag" oder "das wurde auch mal Zeit; ich hole meinen Verlust wieder rein und dann gehe ich").

Sollte tatsächlich mal der Fall vorhanden sein, dass der "Gewinn" tatsächlich ein Gewinn ist (also höher als der Einsatz), dann ist der Spieler aber auch nicht zufrieden. Er möchte mehr, viel mehr. Wenn er dann noch den Jackpot knackt, dann würde man denken, nun hat er doch alles erreicht, aber der Spieler will noch den 2. und dritten, usw.

Ein Spieler kann EUR 100,- oder EUR 1.000,- oder EUR 10.000,- gewinnen, er wird niemals aufhören, da diese Zahlen nur ein Zeitfenster darstellen. Er hatte durch diese Zeitgewinnung so viele Adrenalinschübe bekommen, dass er niemals von alleine aufhören würde. Es müsste schon jemand kommen und ihn vom Gerät mit Gewalt wegzerren. Der Automat agiert wie ein Magnet. Es ist nicht zu erklären, aber jeder kennt dies als Spieler.

Ich habe über 30 Jahre lang gespielt und habe sehr vieles erlebt, das ich keinem wünsche. Die Jahre 2002 bis 2007 waren die schlimmsten Zeiten, da war exzessives Spielen an der Tagesordnung. Ich war völlig unkonzentriert, da mein Denken nur noch dem Automaten gewidmet war. Rücken-, Magen- und Kopfschmerzen; hörte permanent Melodien im Kopf; war extrem ungeduldig; introvertiert; usw.  Ich hatte mir damals 4 Spielautomaten gekauft, da ich dachte, das wäre die optimalste Lösung. Das ist keine Lösung, das war dumm. Die Automaten sind natürlich inzwischen alle auf der Deponie; ich habe die bewusst weggeworfen, obwohl sie intakt waren. Meine AS-Gruppe teilte mir mit, dass Spielautomaten in der eigenen Wohnung das Spielen noch fördert.

Ich spiele seit dem 19.12.2007 nicht mehr und möchte nie wieder in diesen Teufelskreis geraten. Es ist sehr schwer von der Spielsucht wegzukommen; ich hatte viele erfolglose Versuche erfahren müssen. Selbstmordgedanken gehörten wie das Hungern (weil keine Nahrung vorhanden war) ständig dazu. Deshalb kann ich viele Ereignisse, die Spieler hier aufführen, nachvollziehen, da ich fast identische Erlebnisse hatte. Ich versuche auf jeden Spieler individuell einzugehen, um ihn oder auch sie (Frauen spielen inzwischen auch sehr häufig) mit allen verfügbaren Mitteln aus dem Teufelskreis herauszuholen.

Dass Spieler nach einiger Zeit vertrauensunwürdig werden, nur noch lügen, ggf. kriminell werden (wurde ich zum Glück nie) ist ein "Normalzustand", den man nicht oberflächlich beurteilen sollte. Für den Spieler ist ein Rückfall sehr unangenehm und es tut ihm für seine Familie sehr leid. Deshalb werden z. T. Lügen erzählt, um die andere Seite nicht zu verletzen oder Vorträge zu hören, denn das gehörte u.a. dazu, was ich eigentlich nicht hören wollte. Ich wusste es selber und brauchte nicht noch irgendwelche Reden zu hören. Zudem fühlte ich mich als nasser Spieler immer in der Situation, wo ich dann nach deren Pfeife getanzt habe; deshalb log ich.

Der erste Schritt ist natürlich, die Offenheit zu sich selbst und zu den anderen, um das Problem zu bekämpfen. Alle möglichen Schritte, die es gibt, in Angriff zu nehmen und dann gegen die Spielsucht zu kämpfen. Es ist ein langer und harter Weg, aber man kann es schaffen.

Es ist "nur" ein kleiner Computerchip (so klein wie ein Daumennagel), der den Spieler in seinen Bann zieht. Etwas Plastik und Draht soll das Leben bestimmen ? Innerlich diesen Chip zerdrücken, denn die Entscheidung des Lebenslaufs sollte der individuelle Mensch treffen und nicht so ein Bauteil.

Ich wünsche Euch an dieser Stelle den besten Erfolg, den ihr Euch wünscht und eines Tages wird ihr es auch schaffen, die Sucht erfolgreich aus Eurem Leben zu verbannen.
 

Offline Schowski81

Re: Warum hört ein Spieler eigentlich nie auf ?
« Antwort #1 am: 01.12.2016 11:07:06 »
Ich habe auch den Weg hierher gefunden! Thumbs up, gemütlich hier!  ;)

Toller Beitrag E_S, sehr authentisch geschrieben - man erkennt sich (leider) in vielen wieder!  :-\
Ich bin so wie ich bin und lasse mich nicht verbiegen!!

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Vergleiche Dich niemals mit anderen und sei immer Du selbst!